Zwischen Mickey Mouse und Schusswaffen – amerikanische Kindheit zwischen Extremen

Wer kennt sie nicht, die kleine Maus mit den süßen schwarzen Ohren und dem wunderbar weichen Blick? Vor fast 90 Jahren nahm Mickey Mouse am 18. November 1928 im kurzen Zeichentrickfilm „Steamboat Willie“ die Herzen seiner Zuschauer wie im Sturm ein. Seitdem ist die kleine Cartoon-Maus sowie dessen Freunde ein integraler Bestandteil in vielen Kinderzimmern. Zahlreiche Erwachsene sehen in dieser Fernsehikone eine wichtige Bezugsperson, die sie von Kindesbeinen an begleitet.

Nicht umsonst wird dieses Jubiläum in den USA wie das keiner anderen Cartoon-Figuren mit großen Feierlichkeiten und besonderen Aktionen begannen.  Denn so regelmäßig und verlässlich, wie Mickey Mouse, Minnie & Co. über die Leinwand, dann den schwarz-weiß Fernseher und später über den Flachbildschirm tanzte, vermittelte dieser kleine, putzige Zeichentrick-Charakter Sicherheit und Geborgenheit gepaart mit der nötigen Portion Charme und Witz in einer Welt, die alles andere als heil zu sein schien.

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Während die Cartoon-Maus in diesem November ihr großes Jubiläum feiert, bewegt sich die amerikanische Kindheit zunehmend zwischen Extremen: Glitzer und Glamour von Mickey Mouse & Co., dessen ultimativen Ausdruck man in Disney World bestaunen und erleben kann, schwappt in der Freizeit in wohltuenden Wellen via digitaler Fernseher in die Wohn- und Kinderzimmer. Und verdrängt so die allseits präsente Angst und Bedrohung, die durch wachsende Zahl der Hassverbrechen und die mit ihr einhergehenden inneren Aufrüstung verbunden sind.

Eine Kindheit, die sich zwischen Extremen bewegt – zwischen suggerierter Geborgenheit und realer Bedrohung durch Menschen, die leicht zugängliche Waffen für unvorstellbare Gräueltaten benutzen. Die einst sicheren Orte, wie Schule, Kirche und Synagoge, sind ebenso betroffen wie ganz normale Alltagsorte. Inzwischen gehört es zum Alltag, dass bei einem sogenannten „Shooting Drill“ das Verhalten bei einem eventuell eindringenden Täter bis ins kleinste Detail eingeübt wird. Welche psychologischen Folgen dies für Generationen von Kindern, die in USA aufwachsen, haben wird, ist gegenwärtig noch nicht abzusehen. Nachdem es sich jedoch um die Einübung eines Verhaltens in einer kriegsähnlichen Situation handelt, sind Traumatisierungen und zumindest Verunsicherung nicht auszuschließen. Denn die alten Zufluchtsorte wie Schule und Gotteshäuser sind im Kugelhagel der Täter bereits gefallen.

Mickey Mouse wird auch weiterhin tröstend über den Bildschirm tanzen und dank seines Charmes Zuversicht und Freude verbreiten. Bis abends beim Abschalten des Fernsehers dunkle Stille in den Wohn- und Kinderzimmern einziehen wird und mit ihnen die angstvollen Gedanken an das bedrohende, andere Lebensextrem.

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Immer wieder sonntags

Ich navigierte meinen noch leeren Einkaufswagen durch den dicht beidseitig mit Waren bestückten Eingang des Supermarktes wie einen Tanker. Der leere Drahtkorb verlangte geradezu danach Essen und andere Artikel für die gerade begonnene Woche aufzunehmen. Mein Blick glitt hastig an den geschickt arrangierten Waren entlang, deren stummes Flehen nach einem neuen Besitzer ich möglichst zu ignorieren versuchte. Ich beschleunigte meine Schritte, um diesen Sirenen des Supermarktes schnellstmöglich zu entkommen.

Doch plötzlich bremste ich mitten im Einkaufslaufschritt und ließ ich meinen Wagen abrupt zum Stillstand kommen. In weißer Schrift prangte ein gutleserliches Schild über einer bunten Chipsauslage: „NY SEE YOU ON SUNDAY“. („NEW YORK, WIR SEHEN DICH SONNTAG“). Diese Aufschrift hätte ich mir als Pfarrerin sehr von meiner Kirche gewünscht. Doch während Kirchen, zumeist vor allem die etablierten, kein großes Aufheben um ihren sonntäglichen Gottesdienst und ihre Angebote wie Kirchenkaffee & Co. machen, gehen die New York Giants in Kooperation mit verschiedenen Chipsherstellern viel offensiver mit diesem besonderen Tag um. Selbstverständlich kombinieren sie Gaumenschmaus mit einem sportlichen Event.

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Sport ist inzwischen nicht nur ein ernstzunehmender Konkurrent der Kirchen geworden, sondern verdrängt sie in ihrer Kernzeit von diesem Ort. Nicht selten höre ich von so mancher Person, dass sie öfter den Gottesdienst besuchen würde, wenn dieser nicht gerade zur gleichen Zeit der Sportangebote stattfinden würde. Auch eine nicht zu vernachlässigende Zahl an Jugendlichen, die unter Umständen den Konfirmationsunterricht besuchen könnten, geben dem gleichzeitig stattfindenden Sport- oder Musikunterricht den Vorzug. Dabei hat Kirche wirklich viel zu bieten!

Nachdenklich betrachtete ich die selbstbewusste Aufschrift des amerikanischen Football-Teams und der Chipsfirmen. Je länger ich vor diesem Schild stand, umso ironischer kam mir dieser geschickte Werbezug vor. Der Sonntagsschutz lag mir sehr am Herzen. Gott selbst hatte nach getaner Arbeit einen Ruhetag eingelegt. Warum sollte dies nicht auch für Menschen gelten? Vor allem in einer so rastlosen Gesellschaftsstruktur wie der gegenwärtigen, wirkt ein Tag Ruhe und Erholung kombiniert mit Inspiration durch die Heilige Schrift Wunder.

Doch wie nur sollen wir den Schutz des Sonntages plausibel machen in einer Welt, in der Kirche und Glaube zunehmend an die Seite gerät?

Ein verwegener Gedanke schlich sich langsam zwischen den Einkaufsregalen in mein Bewusstsein: Vielleicht sollten wir den Impuls des Supermarktes aufnehmen und einen Gaumenschmaus mit einem kirchlichen Event verbinden? Wie wäre es mit einem Schild über der Brotabteilung? Oder einer Kirchenaufschrift über dem Haribo-Regenbogen-Produkt, das für eine offene und tolerante Kirche jenseits von Geschlecht und Hautfarbe steht? Das wäre ein ungewöhnlicher, vielleicht sogar provokativer Schritt, der zumindest Menschen dort abholen würde, wo sie sich im Alltag bewegen: Auf ihrer Einkaufsfahrt durch das „Produktemeer“ der Supermärkte.

Nachdenklich ließ ich die Sirenen hinter mir, die inzwischen ihren stummen Lockschrei aufgegeben hatten, und wendete mich meinem Einkaufszettel zu, der dem Nötigen gewidmet war.

Wenn das Handdesinfektionsmittel von Christus erzählt

Eine Wolke von unzähligen Düften umgab uns, während wir ein Labyrinth aus Regalen durchquerten um in den hinteren Bereich eines Geschäftes zu gelangen. Allerlei Badezusätze, Cremes und Parfüme lächelten uns in farbenfrohen Verpackungen und geschmackvollen Namen wie „Boardwalk Marshmallow Cloud“ oder „French Lavender Vanilla“ entgegen. Als endlich ein buntes Regal von kleinen Fläschchen und Zubehör wie ein vollbeladener Frachter vor uns aus der wohlriechenden Ladenvielfalt auftauchte, hatten wir das Ziel unserer kleinen Expedition im Meer der Düfte endlich erreicht. Doch anstatt zielstrebig kleine Geschenke für fünf besondere Frauen auszusuchen, irrten meine Gedanken wirr hin und her während meine Nase versuchte aufgrund der olfaktorischen Eindrücke den richtigen Duft für die jeweilige Person zu finden. Meine Töchter hingegen verschwanden begeistert im Meer der Sinne während Gerüche wie „American Apple“, „Cotton Candy Bliss“ oder „Boardwalk Vanilla Cone“ sie aufjauchzen ließen bis schließlich meine Jüngste mich freudestrahlend aus meiner Ratlosigkeit weckte. „I believe in Humans,“ las sie stolz vor während sie ein kleines Fläschchen nebst zugehöriger Halterung vor mein Gesicht hielt. „Und das Einhorn ist soooo ein tolles Geschenk. Das ist wie beim Einhorn auf dem Teppich, nur anders. Denn das Einhorn hier macht dann kein Wasser sauber, sondern die Hände!“

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Sprachlos betrachtete ich die etwas kitschige Büste eines Einhorns, während ich versuchte Handdesinfektionsmittel und Einhörner trotz ihrer kindlich-mädchenhaften Vorliebe für diese Fabelwesen zu kombinieren. Plötzlich wurde mir bewusst, dass unsere Jüngste die Informationen des letzten Museumsbesuches kreativ mit den um sie stehenden Inhalten verbunden hatte.

Vor einigen Tagen hatten wir die Cloisters an der Nordspitze Manhattans besucht, um unserem kleinen Einhornfan die dort befindlichen Einhorn-Wandteppiche aus dem 16. Jahrhundert zu zeigen. Im ersten von insgesamt sieben vorhandenen mittelalterlichen Bildteppichen beugt sich das Fabelwesen mit seinem Horn zu einem Wasserstrom hinab und reinigt diesen für die ihn umgebenden Tiere. Aufgrund verschiedener im Mittelalter gebräuchlicher Bibelübersetzungen, die das dort erwähnte Tier, das heute zumeist als „Stier“ wiedergeben wird, als „Einhorn“ bezeichnet haben (1), fand dieses Wesen Eingang in die christliche Kunst und wurde zum Symbol für Christus. So hat St. Ambrosius (ca. 340-397), der Bischof von Milan war, in seinem Kommentar zu den Psalmen dies deutlich hervorgehoben: „Wer sonst sollte dieses Einhorn sein wenn nicht einzig Gottes Sohn?“ (2) Als wir vor dem ersten Wandteppich standen, versuchten wir die Symbolik der eindrücklichen Einhornszene zu ergründen. Nach einer kurzen Stille zog unsere Jüngste an meiner Hand. „Mama, das ist doch klar! Ich habs! Das Wasser wird vom Einhorn für die Tiere gereinigt, damit sie trinken können. Das ist so was wie die Wundergeschichten von Jesus. Hat der nicht mal Wasser zu Wein gemacht?“

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Nun stand ich wie vom Blitz getroffen viele Jahrhunderte später in einem Duftgeschäft und erhielt von unserer Jüngsten eine Lektion über biblische Wundergeschichten und deren symbolische Aktualisierung in der Moderne. Schnell realisierte ich, dass dieses Handdesinfektionsmittel ein wunderbares symbolisches Geschenk für eine besondere Theologin war. Sie würde es umgehend verstehen.

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(1) Num 23,22; Dtn 33,17; Hiob 39,9-11; Ps 92,10; Dan 8,5-7.21 u.v.m.

(2) „Ennarrationes in XII psalmos Davidicos,“ Patrologia Latina XIV, col. 1099.

Wenn Chips-Essen zur Ehre Gottes geschieht

Menschenmassen schoben sich über die für den Verkehr gesperrte 6th Avenue. Ein ungewöhnliches Bild freudig bummelnder Menschen mitten auf dem Großstadtasphalt breitete sich vor unseren Augen aus. Langsam verklangen die Worte des vor kaum einer Stunde statt gefundenen Gespräches mit einem interreligiösen Partner, während meine Töchter mich begeistert von einem Stand zum anderen zogen. An diesem Sonntag zeigte sich die New Yorker Innenstadt in einer ganz anderen Erscheinung: Befreit von Autos und Verkehr konnten wir unsere Augen an interessanten Waren sattsehen, den Gerüchen zu exotischen Essen und „Soul Food“ nachgehen, und uns an leckeren Speisen laben.

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Natürlich musste ich meinem Lieblingsstand „Pepper Salt Paprika“ einen Besuch abstatten: Jamal verkauft die wohl leckersten pikanten und scharfen Soßen im Stadtgebiet. Alles ist handgemacht und liebevoll verpackt. Vor allem die grüne Soße hatte es allen kleinen und großen Groß´sens sehr angetan. Mit frischen Tortilla-Chips waren sie ein himmlisches Gedicht.

Als ich am Abend im Pfarrhaus unseren neuen Chipsteller auspackte, stach mir die in geschwungenen Lettern gehaltene Aufschrift ins Auge: „So whether you eat or drink or whatever you do, do it all for the Glory of God.“ (1 Kor 10,31; Übersetzung nach Luther2017: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.„) Dann geschah auch das Chips-Essen mit pikanter Soße, auf das wir uns als Familie so sehr freuten, zur Ehre Gottes. Selbstverständlich mit einer wichtigen paulinischen Einschränkung: solange keiner Anstoß daran nehmen würde (V. 32f).

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Leise murmelte ich ein dankbares „Chips-Gebet“ vor mich hin während ich den Teller zu meinen freudig wartenden Kindern ins Wohnzimmer trug:

Herr,

ich danke Dir für Chips und Dips,

für die vielen Freuden, mit der Du unser Leben segnest.

Ob wir nun essen oder trinken oder welcher Tätigkeit wir sonst nachgehen,

alles geschehe zu Deiner Ehre.

Amen.

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Rote Ampeln und Weggabelungen als paulinische Mahnzeichen

Ungeduldig hielt ich an der roten Ampel an, denn ich hatte es eigentlich mächtig eilig. Das Auto war voller Kinder, die aufgeregt im Hintergrund schäkerten und lachten – ein Ausdruck ihrer Freude über das versprochene Familiengrillen zum Sommeranfang. Doch wie nur sollte ich mich bei all diesem Lärm auf den dichten Verkehr konzentrieren und beim Einkauf nichts vergessen, damit die Vorfreude später in einen schönen Familienabend mündete?

Die schier endlos scheinende Rotphase der Ampel lies meinen Blick vom Verkehr abschweifen und blieb unvermittelt an einigen ungewöhnlichen Objekten hängen, die den nahestehenden Sicherungskasten der Ampelanlage schmückten: Neben einer dunklen Figur prangte eine übergroße Gabel an der sprichwörtlichen Gabelung. Dies erinnerte mich unweigerlich an eine schwierige Situation, der griechischen Gemeinde in Korinth, die inhaltlich an einer schwierigen Weggabelung ihres gelebten Glaubens angekommen war. Hierauf hatte Paulus versucht in einem ersten Brief einzugehen und ihnen eine Wegweisung an diesem Scheideweg zu geben.

In der Gemeinde in Korinth gab es größere Spannungen, die sich um die Wertigkeit der Gemeindeglieder drehte. Viele schienen sich in ihrem Verhalten exponiert dargestellt und als wichtiger erachtet zu haben. Vor allem Selbstdarsteller, die z.B. in Zungen redeten, zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Man kann davon ausgehen, dass es viele Formen der lauten Selbstdarstellung in Korinth, und damit im kleinen Mikrokosmos der Gemeinde gab, die andere gering oder nichtig sein ließ.

In dieser Situation waren Paulus Worte wie eine rote Ampel, an der die Gemeinde in Korinth aufgrund seiner Autorität gezwungen war, stehen zu bleiben und über ihren Weg nachzudenken. An dieser Weggabelung des Glaubenslebens hob er daher im 12. Kapitel den Gedanken des Leibes und der Glieder hervor und mahnte die Gemeinde eindrücklich: „Strebt aber nach den größeren Gaben! Und ich will euch einen noch besseren Weg zeigen.“ (1. Kor 12,31)

Der bessere Weg, den Paulus hervorhob, können wir dem darauffolgenden Hohenlied der Liebe entnehmen, das in ihrem Kern eine spirituelle Verbindung zwischen Menschen beschreibt. Bei dem griechischen Wort „Agape“ handelt es sich nicht um eine exklusive partnerschaftliche Liebe, sondern um eine inklusive gemeinschaftliche Liebe, die auch die Zurechtweisung beinhalten kann.

Wenn wir auf den Wegen unseres Lebens an roten Ampeln stehen im tatsächlichen, aber auch übertragenem Sinn: Wohin biegen wir dann als Individuen und/oder als Glaubensgemeinschaften ab? Nehmen wir den von Paulus vorgeschlagenen Weg der größeren Gaben, die sich in der Agape zeigen? Oder verhalten wir uns wie einige Korinther, die sich für etwas besseres als andere halten?

Während die Ampel langsam auf Grün schaltete und der Verkehr sich zu bewegen begann, setzte ich meinen Blinker und seufzte ein kleines Dankgebet für das unvorhergesehene paulinische Mahnzeichen an der roten New Yorker Ampel.

Rot, Weiß und Blau – von Zivilreligion, Patriotismus und mahnender deutscher Geschichte

Patriotische Musik säuselte uns leise zu während wir einen kleinen Bummel durch unser Lieblingsgeschäft machten, dessen aktuelle Auslage sich ganz dem bevorstehenden Memorial Day entsprechend in Rot, Weiß und Blau kleidete. An diesem US-amerikanischen Feiertag, der jährlich am letzten Montag im Mai begannen wird, gedenkt man der im Krieg für die USA Gefallenen als Helden des freien Landes. Um diesem Patriotismus persönlichen Ausdruck zu verleihen, werden nicht nur Häuser mit der US-Flaggen geschmückt, sondern Kuchen verziert, T-Shirts und allerlei anderes käufliches Accessoire angeschafft.

Mein Blick blieb an einem kleinen Vogelhaus hängen, dessen Dach das Sternenbanner schmückte und auf dessen Vorderseite in großen Lettern auf einem silbernen Schild der Aufdruck „Faith“ (Glaube) prangte. Ob der kleine Vogel die Aufschrift wohl lesen würde, wenn er das kleine Holzhäuschen als seine neue Heimat auswählte? Wie er so haben Generationen von Immigranten die USA als neues Zuhause gewählt und wie 327 Millionen (United Concensus Bureau) andere US-Amerikaner ein Leben unter dem rot-weiß-blauen Sternenbanner und dessen Nationalwerten gestaltet.

Zum Zusammenhalt dieser großen Nation, die aus 50 Bundesstaaten besteht, wird eine alle verbindende Zivilreligion zelebriert, die durch den Memorial Day im Mai und das Thanksgiving-Fest im November seinen rituellen Ausdruck in einem seltenen verlängerten freien Wochenende erhält. Der US-amerikanische Soziologe Richard Bellah wies darauf hin, dass diese Zivilreligion notwendig für den Zusammenhalt des demokratischen Gemeinwesens sei und viele religiöse Elemente in sich berge, die in ihrer Struktur eine Anlehnung an die judeo-christliche Tradition sei. (1) Neben Feiertagen, die eine spezielle Ausgestaltung aufweisen, gibt es Orte der Verehrung, wie das Monument des Unbekannten Soldaten, sowie Kultgegenstände, die vor allem durch die Gestaltung in Rot, Weiß und Blau und dem Sternenbanner hervorstechen.

Während US-Amerikaner (aber auch andere Personen rund um den Globus) diesen Patriotismus pflichtbewusst durch die Verwendung der einschlägigen Farben und Muster auf zahlreichen Gegenständen zur Schau stellen, sei nur am Rande darauf hingewiesen, dass dies streng genommen vom Gesetzgeber eigentlich verboten ist. Bei der angesprochenen Verwendung hingegen handelt es sich um eine Art patriotischem „Kavaliersdelikt“, das wohlwollend akzeptiert wird und die Position des Gesetzgebers nur dann argumentativ zitiert wird, wenn die Verwendung nicht der eigenen politischen Argumentationslinie entspricht. Während einige ihren Kopf mit rot-weiß-blauen Mützen schmücken, aus besonders kolorierten Gläsern trinken und von entsprechend gestalteten Tellern essen, entdecken sie just beim Betrachten eines integrativen Schildes wie der Bewegung „Hate has no home here“ ihre Verwurzelung in einem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Verwendung der US-Flagge. Sie überschreiten hierbei eine empfindliche Grenze von auf Nächstenliebe basierender Gerechtigkeit und Instrumentalisierung des vom Gesetzgebers vorgeschriebenen Rechtes für eigenen Argumentationslinien.

So kann aus Patriotismus schnell einbedenklicher Nationalkult werden, indem die Verehrung Gottes durch die einer Ideologie ersetzt wird. Welche gefährlichen Abgründe solch ein national verbreiteter Kult haben kann, können wir schmerzhaft unserer eigenen deutschen Geschichte entnehmen.

So bleibt es zu hoffen, dass Bellah Recht behält mit der notwendigen Zivilreligion als „Kitt“ des gegenwärtig wohl einflussreichsten Landes der westlichen Welt, damit der der judeo-christlichen Tradition zentrale Werte der Nächstenliebe nicht aus dem Blick gerät.


(Siehe Richard Bella: Civil Region in America, s. 21-37)

Von einfühlsamen Geschenken und in Versuchung geratenen Katzen

Staunend nahm ich von meinen acht Konfirmandinnen und Konfirmanden in Pfingstrot gehaltene Geschenktüten in Empfang. Und plötzlich war er da, der Klos im Hals, am Vorabend der Konfirmation, denn in dem nun fast vergangenen Konfirmandenjahr waren mir die Jugendlichen sehr ans Herz gewachsen. Nach einer anfänglichen Zurückhaltung waren sie als Gruppe fest zusammengewachsen und ich stand vor der Aufgabe, sie loszulassen. Schon ab dem morgigen Pfingstfest würden sie als erwachsene Christinnen und Christen unsere Gemeinde und später andere durch ihr Wirken bereichern und mit gestalten. Ich seufzte tief, denn als „theologische“ Mutter war dieser Moment von so viel Stolz getragen: sie hatten mit mir (und manchmal auch gegen mich – so muss das sein!) um die Grundfesten unseres Glaubens und Wirkens als Christen gerungen und formten dabei ihre Zusage zu Gott in Jesus Christus.

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Raschelnd packte ich eine pfingstfarbene Geschenktüte nach der anderen aus. Dabei musste ich festzustellen, dass nicht nur ich meine Jugendlichen, sondern sie mich in den letzten Monaten gut kennengelernt hatten: Neben einer Gesichtsmaske, Naschereien, duftenden Gewürzen, Pediküre-Gutschein, Energy-Kaffee, Seidentuch, Badesalz und Co. waren auch meine geliebten (und verwöhnten) Katzen von einem Konfirmand bedacht worden. Lachend drehte ich die Verpackung der Katzenleckerei „Temptations“ (Versuchung) in meinen Händen hin und her, verstaute sie dann in der vorgesehenen Glasschüssel, damit sie frisch und immer bereit auf unserer Küchenanrichte standen.

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Als wenige Stunden später ein lautes Klirren das Pfarrhaus erschütterte, musste ich zähneknirschend beim Betrachten des Scherben- und Leckerli-Haufens feststellen, dass diese Versuchung wohl zu groß gewesen war. Anscheinend hatten meine Kater im Konfirmandenunterricht trotz fleissiger Anwesenheit bei den Geboten nicht gut aufgepasst. Sie sahen mir nun schuldbewusst zu, während ich die Scherben ihrer kleinen Gaunerei beseitigte. Im Gegensatz zu meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden mussten sie wohl eine weitere Runde Katechese über sich ergehen lassen, aber ob dies zum gewünschten Ergebnis führen würde, wage ich zu bezweifeln…