Weihnachts-Rubiks oder: Die Weisen aus dem Morgenland vor König Herodes

Mit flinken Händen drehte sich der Zauberwürfel in meinen Händen hin und her während Sterne, Ausschnitte und Figuren in immer neuen Variationen kombiniert wurden. Mir entglitt ein tiefer Seufzer der Verzweiflung während sich erste Teile des weihnachtlichen Rubiks-Cubes aus dem Würfel lösten.

img_3117-1

Aus dem besonderen Rubiks-Cube, der die Weihnachtsgeschichte in sechs Bildern symbolisch visualisierte, war im Handumdrehen ein fast unlösbares Rätsel geworden. Die Weisen aus dem Morgenland standen dahinter Kopf, während sie mir stoisch beim interaktiven Puzzeln zusahen. Vielleicht war es ihnen damals so ähnlich ergangen, als sie nach einer langen Reise vor König Herodes standen und hofften, bei ihm den neugeborenen König anzutreffen. Doch stattdessen wurden sie von ihm mit vielen Fragen überschüttet, weil dieser das sich vor ihm entfaltende Rätsel um eine mögliche Gefährdung seiner Macht lösen wollte. Nicht einmal seine Gelehrten konnten ihm in dieser Sache weiterhelfen. So war Herodes gezwungen, diese fremden Weisen für sich zu instrumentalisieren, um dem Ganzen auf den Grund gehen zu können.

Nachdenklich starrte ich das vor mir ausgebreitete Würfelchaos an. Mit jedem weiteren Versuch zerlegte sich der Würfel zunehmend in seine Bestandteile bis schließlich ein dreidimensionales Kreuz zum Vorschein kam. Es erinnerte mich an das Hildesheimer Versöhnungskreuz, das während eines zentralen ökumenischen Gottesdienstes anlässlich des Reformationsjubiläums in Wittenberg Kardinal Reinhard Marx als Zeichen der Versöhnung überreicht worden war (1).

König Herodes hingegen als einem machthungrigen und zornigen Herrscher war reichlich wenig an Versöhnung gelegen. Vielmehr machte er die Verfolgung der noch jungen Christenheit zu einem besonderen Bemühen seiner Amtszeit. Das spürten die Weisen aus dem Morgenland in dieser wohl eher kurzen Begegnung mit dem gegenwärtigen Machthaber Judäas und Samariters. Kein Wunder also, dass sie auf anderem Wege in ihre Heimat gekehrt waren.

Wie schade, dass König Herodes das versöhnende Friedensgeschenk Gottes, wie es in Jesus Christus zur Welt kam, nicht während seines Lebens entdecken wollte (2), so wie sich aus dem Weihnachts-Würfel langsam ein Versöhnungskreuz auf unserem Küchentisch herausgeschält hatte. Mir hingegen war dieser Weihnachtswürfel aufgrund dieses entdeckungsreichen Chaoses umso mehr ans Herz gewachsen. Denn in all seiner bunten Zerbrechlichkeit erzählte der Würfel in zauberhafter und sehr erfahrbarer Weise von Gottes Bemühen um einen versöhnendem Frieden in unserer gebrochenen Welt.


(1) https://www.ekd.de/zentraler-gottesdienst-zum-500-reformationsjubilaeum-30069.htm

(2) Über König Herodes Lebensende wird in Apg 12,20-23 berichtet.

Advertisements

Wenn Dreidel und Bacon sich fast küssen – von Christbäumen als postmodernen Fragen

In glitzernder Eintracht hing ein silbrig-blauer Dreidel neben einem saftigen Stück Bacon. Ein weißer Einhornhund sah mich fragend aus runden Augen an. Eigentlich wollte ich mir nur die Wartezeit im Grand Central mit einem spontanen Bummel vertreiben. Nun aber staunte ich nicht schlecht, als mitten in New York in einer der wohl jüdischsten Städte Nordamerikas eine grundsätzliche Speiseregel dieser Religion deutlich sichtbar durch eine harmlos erscheinende Weihnachtsdekoration zur Diskussion gestellt wurde.

Mit postmoderner Selbstverständlichkeit hatten Dekorateure absichtlich oder vielleicht auch spontan, einen religiösen Grundsatz visuell aufgebrochen. Eigentlich hätte es einen Aufschrei geben müssen, denn die Dekoration ging in keinster Weise zimperlich mit den koscheren Speiseregeln um. (1)

Nun aber stellte der so harmlos dreinblickende Christbaum diese alltägliche jüdische Selbstverständlichkeit in Frage. Kopfschüttelnd fragte ich mich: Könnte ich so ruhig bleiben, wenn ein wichtiger Inhalt meines Glaubens derart harmlos-spielerisch auseinander gepflückt würde? Doch in all der Aufregung erinnerte ich mich an die Postmoderne: Einheit und Grundlagen durch Provokation und Neukombination neu in Frage zu stellen, ist gerade ein typisch postmoderner Vorgang. Der Christbaum in einen der wohl geschäftigsten Bahnhöfe dieser Welt reihte sich in eine Reihe gleichgesinnter Diskussionsgegenstände ein.

„Die Postmoderne ist ein Angriff auf die Einheit“, formuliert Micheal Power […] und gibt damit dem vielleicht zentralsten Gedanken der Postmoderne Ausdruck: alles, bloß keine einheitlichen, abgeschlossenen Denkgebäude, keine Rezepte und fertigen Antworten, keine etablierten Lösungen und vor allem kein Establishment, sei es in der Politik oder in der Wissenschaft. Stattdessen beständiges Infrage stellen, Zweifeln, Angreifen und Aufbrechen. Nichts kann so wahr sein, dass alle es glauben sollten – das ist eine konsequente Absage an jeden Totalitätsanspruch, und sei er von noch so guten Intentionen getragen.“ (2)

Bleibt nur zu hoffen, dass diese provokante Frage am Christbaum, wo Dreidel und Bacon sich so nahe sind, dass sie sich fast küssen, die Gemüter nicht erhitzt, sondern ein geduldiges Schmunzeln in den Augenwinkeln des Betrachters hervorrufen wird.


(1) Das jüdische Speiseverbot von Schweinen stammt aus einem Abschnitt aus dem Buch Mose: „Alles, was gespaltene Klauen hat, ganz durchgespalten, und wiederkäut unter den Tieren, das dürft ihr essen.“ (3. Buch Moses 11,3). Im Anschluss an diesen Vers werden dort einige Tiere genannt, die diese Kriterien nicht erfüllen. Das Schwein ist als letztes Tier genannt (3. Buch Moses 11,7). Ein Speisegebot, das auch mich in dieser jüdischen Stadt im Umgang mit anderen begleitet und dessen Selbstverständlichkeit für andere ich bis dato ich nie in Frage gestellt hatte.

(2) Weil, E.: Lang, R (Hrsg.) Moderne Organisationstheorien 2, Strukturorientierte Ansätze, 2003, VII, S. 1.

Jesus, Superman und Co. im Advent

Wohliger Nadelduft erfüllte unsere Küche während ich mich an unserem Esszimmertisch niederließ. Ein schlichter Adventskranz mit frischem Grün thronte in der Tischmitte. Ich hielt eine warme Tasse Kaffee in der Hand. Ihre Wärme stieg langsam in meinen müden Finger hoch. Ein langer Dienstsonntag lag hinter mir mit Gottesdienst, Krippenspiel und insgesamt sechs Stunden Autofahrt zu Kirche und Seelsorgebesuch. Nun kehrte endlich Ruhe und etwas Adventsfrieden in mir ein.

Leise summte ich eines meiner Lieblingsadventslieder vor mich hin. „Tochter Zion, freue dich …“ als plötzlich eine wohlbekannte Filmmusik meine adventlichen Gedanken durchbrach. Ein rotes Supermansymbol, dessen gelber Hintergrund erleuchtet war, wurde vor mir in das Tannengrün gedrückt. Blechern stolz erklang dabei das Supermanmotiv.

Warum musste es gerade in diesem friedlichen Augenblick sein, dass die neueste Christbaumdekoration von meinem Nachwuchs auf Herz und Nieren geprüft wurde? Die Gedanken an einen sanften Friedenskönig wurden abrupt von einem stählernen Retter abgelöst, der mutig und behende durch die Lüfte flog. Dabei war mir so gar nicht nach Unruhe, pompösen Gesten und Superman zu mute.

Ich seufzte während die Erinnerungen an die Evangeliumslesung des 2. Advents in mir hochstiegen. In Lk 21,25-33 wurde nicht, wie ich mir an diesem Abend so sehr herbeigesehnt, von einem sanftmütigen Friedenskönig (Mt 21,4) berichtet, sondern von einem mächtigen Messias, der am Ende der Zeiten auf diese Welt kommen werde.

Und wieder kam ich mir selbst auf die Schliche. Meine Adventserwartung war von eigenen menschlichen Wünschen nach Ruhe und Frieden getrieben. Wenn wir in die biblischen Schriften blicken, so sind dort ganz unterschiedliche Facetten des göttlichen Messias zu entdecken: Mal Wundertäter, der heldenhaft Wasser in Wein verwandelt (Joh 2,1-12). Mal schwacher Mensch, der Gottes Nähe im Gebet sucht, da er an seine eigenen Grenzen gestoßen ist (Lk 22,39-53). Aber auch Superheld am Ende aller Zeiten, der groß und mächtig in unserer Welt Gottes Reich anbrechen lassen wird (Lk 21,25-33).

Eines verbindet all diese Facetten Jesu: Das Zeichen der Hoffnung für die Schwachen und Starken zugleich, die Gott durch ihn in unsere Welt gebracht hat. Wer diesem Zeichen folgt, und annimmt, dass durch ihn eine Perspektive bis in die Ewigkeit eröffnet ist und Fehler und Makel vor ihm im Gegensatz zur harten Konsum- und Karrieregesellschaft, nicht gelten, der kann dieses Symbol der Hoffnung nicht nur entdecken, sondern im eigenen Leben dessen Befreiung spüren.

In einer Gesellschaft, die darauf geeicht ist, immer schneller, höher und besser zu sein, werden wir oft angehalten selbst solche „Superhelden“ zu sein. In dieser „schönen neuen Welt“ darf es nur die spektakulären, wunderbaren und positiven Nachrichten von uns selbst geben, die dann auf Facebook, Twitter und Co. gepostet werden. Damit wir im allerbesten Licht dastehen und uns von der grauen Masse abheben können. Doch wir sind keine Superhelden. Superhelden sind hingegen Comicfiguren, die wie Superman aus der Fantasie und Feder einiger weniger floßen.

Während ich den Superman-Christbaumschmuck in meinen Händen hin und her drehte, sehnte ich mich einfach danach, der Botschaft Gottes nah zu sein. Ich bin genug. So wie ich bin. Vielleicht können auch wir mitten im Advent einfach still werden, und diese heldenhafte Botschaft der Annahme durch Gott nahe an uns heran lassen, wie die Superhelden in diesem Comic den Worten Jesu lauschen:

(Quelle: Julian80, DevianArt)

Brave New World – Sehnsucht nach Frieden

Fröhliche Weihnachtsmusik rieselte auf mich herab, während ich die lange Rolltreppe in den zweiten Stock eines Sportfachwarengeschäftes hinauffuhr. Rechtzeitig zum Advent hatte sich dieses Einkaufsparadies für Sportler in ein kleines „Winterwonderland“ mit allerlei besonderer Dekoration verwandelt. Der perfekte Ort, um die richtige Beute für das Weihnachtsfest zu ergattern.

Mich jedoch hatte nicht die Weihnachtsgeschenkejagd, sondern eine Konfrontation mit einem unangenehmen Thema in das fröhliche Einkaufsparadies geführt. Als ich am Fuß der Rolltreppe um die Ecke bog, begrüßte mich in der von mir zielstrebig anvisierten Fachabteilung ein mannshoher Christbaum, der über und über mit Dekoration versehen war. Anstatt strahlender Sterne und Kugeln in leuchtendem Rot hingen kleinerer Jagdbedarf und Messer an den sich nach unten biegenden Ästen. Als Christbaumspitze thronte über allem eine blaue Schildmütze, deren Stirnseite von einer amerikanischen Flagge mit Streifen aus Waffenmunition gesäumt wurde.

„Mama, ich habe Angst!“, hallte es in meinem Kopf während ich auf diesen sonderbaren Christbaum starrte. Wieder fühlte ich auf meiner Haut die kalten kleinen Kinderhände, die sich an mich klammerten, um in der Kälte der Nacht Wärme zu finden. Geraume Zeit wog ich meine gerade 9 Jahre alte Tochter in den Armen, bis sie endlich wieder Schlaf fand. Mehrfach in dieser Nacht tauchte sie im Halbschlaf aus ihrem Albtraum auf und konnte nur schwer wieder zur Ruhe gebracht werden.

Die Erinnerungen an diese Albtraumnacht ließen mich seitdem nicht mehr los und hatten mich schließlich in das amerikanische Sportfachgeschäft geführt, um mich mit der bitteren Realität meiner Kinder auseinanderzusetzen. Denn für sie sind Waffen ein bedrohlicher Teil ihrer US-amerikanischen Wirklichkeit: „Lock-Down-Drill“ in der Schule, um das Verhalten beim einem Amoklauf zu üben und „Bus-Drill“ für den Ernstfall brennen sich physisch und psychisch in die Kinderseelen ein. Greifbar nahe Ereignisse lassen sie wochenlang nicht mehr los: Amoklauf an der nicht unweit liegenden Grundschule Sandy Hook, Kirchenshootings in South Carolina und Texas. Die Nachrichten sind voll von sogenannter „Gun violence“.

Als ich mich in der Fachabteilung weiter nach vorne wagte, eröffnete sich mir eine unbekannte, fremde und beängstigende Welt: Luftgewehre, Maschinengewehre, Pistolen wurden offen und zugänglich zum Verkauf angeboten. Selbstverständlich in jeglichem Design – von bodenständiger Herrenpistole bis zum pinken Mädchengewehr ist alles käuflich, was das schießfreudige Herz begehrt.

Beim Anblick all dieser Waffen stieg langsam Übelkeit in mir hoch. Ich verstand die Angst meiner Tochter sehr gut. So leicht käuflich diese Waffen in Übersee sind, so schnell können sie Unheil, Tod und Verderben evozieren. Ich kann sie nicht vor dieser Realität schützen. Ein bitteres Gefühl für eine Mutter, die ihr Kind nicht wie im deutschen Grundgesetz verankert, ein Recht auf Unversehrtheit bieten kann. Stattdessen ein Leben, das mit dieser Bedrohung umzugehen lernen muss.

Etwas Halt hoffe ich ihr im Glauben schenken zu können. Er eröffnet uns eine Perspektive, die über die Kurzweiligkeit von Gewalt und Ungerechtigkeit hinausreicht. Der Beter von Psalm 37 beschreibt in seinen Worten das vergängliche Glück und den Triumph der Übeltäter und Frevler. Solcher, die anderen schaden wollen. So bleibt mir nur, meiner Tochter vom Gottvertrauen dieser Person zu erzählen, damit sie in all ihren Ängsten zur Ruhe kommen möge: Befiel dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohlmachen und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. (Ps 37,5f).

Vielleicht hilft ihr dies, in der neuen Welt Mut zu schöpfen, einer „Brave New World“, in der es anscheinend keine Alternative gibt, als in Resilienz und Gottvertrauen zu wachsen bis Gott Gerechtigkeit schaffen wird.


Anbei für alle Interessierten Ps 37 (Lutherbibel 2017):

1 Entrüste dich nicht über die Bösen, sei nicht neidisch auf die Übeltäter. 2 Denn wie das Gras werden sie bald verdorren, und wie das grüne Kraut werden sie verwelken. 3 Hoffe auf den HERRN und tue Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich. 4 Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben, was dein Herz wünscht. 5 Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen 6 und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. 7 Sei stille dem HERRN und warte auf ihn. Entrüste dich nicht über den, dem es gut geht, der seinen Mutwillen treibt. 8 Steh ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste dich nicht, dass du nicht Unrecht tust. 9 Denn die Bösen werden ausgerottet; die aber des HERRN harren, werden das Land erben. 10 Noch eine kleine Zeit, so ist der Gottlose nicht mehr da; und wenn du nach seiner Stätte siehst, ist er weg. 11 Aber die Elenden werden das Land erben und ihre Freude haben an großem Frieden. 12 Der Frevler droht dem Gerechten und knirscht mit seinen Zähnen wider ihn. 13 Aber der Herr lacht seiner; denn er sieht, dass sein Tag kommt. 14 Die Frevler ziehen das Schwert und spannen ihren Bogen, dass sie fällen den Elenden und Armen und morden die Frommen. 15 Aber ihr Schwert wird in ihr eigenes Herz dringen, und ihr Bogen wird zerbrechen. 16 Das Wenige, das ein Gerechter hat, ist besser als der Überfluss vieler Frevler. 17 Denn die Arme der Frevler werden zerbrechen, aber der HERR erhält die Gerechten. 18 Der HERR kennt die Tage der Frommen, und ihr Erbe wird ewiglich bleiben. 19 Sie werden nicht zuschanden in böser Zeit, und in den Tagen des Hungers werden sie satt werden. 20 Denn die Frevler werden umkommen; und die Feinde des HERRN, wenn sie auch sind wie prächtige Auen, werden sie doch vergehen, wie der Rauch vergeht. 21 Der Frevler muss borgen und bezahlt nicht, aber der Gerechte ist barmherzig und gibt. 22 Denn die Gesegneten des Herrn erben das Land; aber die er verflucht, werden ausgerottet. 23 Von dem HERRN kommt es, wenn eines Mannes Schritte fest werden, und er hat Gefallen an seinem Wege. 24 Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn der HERR hält ihn fest an der Hand. 25 Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie den Gerechten verlassen gesehen und seine Kinder um Brot betteln. 26 Er ist allezeit barmherzig und leiht gerne, und seine Nachkommen werden zum Segen sein. 27 Lass ab vom Bösen und tue Gutes, so bleibst du wohnen immerdar. 28 Denn der HERR hat das Recht lieb und verlässt seine Heiligen nicht. Ewiglich werden sie bewahrt, aber das Geschlecht der Frevler wird ausgerottet. 29 Die Gerechten werden das Land ererben und darin wohnen allezeit. 30 Der Mund des Gerechten spricht Weisheit, und seine Zunge redet das Recht. 31 Das Gesetz seines Gottes ist in seinem Herzen; seine Tritte gleiten nicht. 32 Der Frevler lauert dem Gerechten auf und sucht ihn zu töten. 33 Aber der HERR lässt ihn nicht in seiner Hand und verdammt ihn nicht, wenn er verurteilt wird. 34 Harre auf den HERRN und halte dich auf seinem Weg, / so wird er dich erhöhen, dass du das Land erbest; du wirst es sehen, dass die Frevler ausgerottet werden. 35 Ich sah einen Frevler, der pochte auf Gewalt und machte sich breit und grünte wie eine Zeder. 36 Da man vorüberging, siehe, da war er dahin. Ich fragte nach ihm; doch ward er nirgends gefunden. 37 Bleibe fromm und halte dich recht; denn einem solchen wird es zuletzt wohlgehen. 38 Die Übertreter aber werden allesamt vertilgt, und die Frevler werden zuletzt ausgerottet. 39 Aber der HERR hilft den Gerechten, er ist ihre Stärke in der Not. 40 Und der HERR wird ihnen beistehen und sie erretten; er wird sie von den Frevlern erretten und ihnen helfen; denn sie trauen auf ihn.

„Message in a Cookie“ – wenn Plätzchen von Golgatha erzählen

Als ich von meiner Dienstreise aus dem mittleren Westen der USA zurückkehrte, überraschte mich meine Jugendgruppe mit einer liebevollen Leckerei: einem rosafarbenen Plätzchen-Golgatha, auf dem stolz ein dunkles Gebäck-Kreuz thronte. Nun streckte ich in dieser kalten Novembernacht meine kalten und müden Füße vor dem wärmenden Kamin aus, und betrachtete den ungewöhnlichen Plätzchengruß von allen Seiten.

Diese „Message in a Cookie“ stimmte mich nachdenklich, denn wer würde einfach so Golgatha verspeisen? Als Theologin und Pfarrerin zögerte ich umso mehr, denn wie oft hatte ich vom Kreuz gepredigt und mit viel Vorsicht Gottesdienste ausgerichtet am Kreuz mit liturgischer Vorsicht gestaltet. Nein, Golgatha durfte auf keinen Fall den Weg alles Irdischen gehen.

Während das Kreuz sich dunkel auf dem Hintergrund des lodernden Feuer abzeichnete, ging mir ein wohlgekannter Vers durch den Kopf: „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.“ (1 Kor 1,18)

Mein Verstand gebot mir klar, dieses Kreuz nicht zu verspeisen. Denn: Kreuze verspeist man nicht. Man hebt sie auf, trägt sie, hängt sie an einen wichtigen Ort. Doch dumpf erinnerte ich mich an Paulus Worte, die sich klar gegen Verstand und Weisheit richteten, und die Absurdität des Kreuzes hervorhoben. Gott offenbart sich durch ein Symbol, das eigentlich von Versagen, Vergänglichkeit und Niederlage spricht. Und verwandelt dieses zu einem Triumphzeichen über Tod und Verderben, das den Weg zu Vergebung und ewigem Leben aufzeigt.

Langsam verstand auch ich die Nachricht meiner Jugendgruppe. Unendlich weise und gleichzeitig in einfacher Zeichenhandlung sprachen sie durch das Gebäck Paulus Worte in meinen oft so komplizierten Theologenverstand. Sie erinnerten mich daran, dass Gottes Zusage jenseits von Studium und Schriftgelehrten zu finden war. Dort, wo Menschen vorbehaltlos durch die Augen des Glaubens Gottes Realität sahen. Jesus musste einen irdischen Weg gehen, um uns das ewige Leben zu eröffnen.

Als ich das verstand, durfte auch das Plätzchen-Golgatha ohne Bedenken den Weg alles Irdischen gehen. Ich seufzte und biß beherzt in das süße Erinnerungsgebäck.


Wer sich für den Originaltext interessiert, kann Paulus Worte von 1 Kor 1,18-21 (Luther 2017) hier nachlesen:

18 Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. 19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« 20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? 21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.

Der Tanz ums goldene (Einkaufs-) Kalb

Einiges scheint uns, egal wo wir als Pfarrfamilie wohnen, wie eine universale Konstante zu verfolgen. So auch der eher leidige Samstagseinkauf. So drängten wir uns wie viele andere Familien in New Yorker Vorstädten samstags in einen lokalen Einkaufsmarkt, der vor Menschen fast aus allen Nähten platzte. Aber es half nichts. Der Wocheneinkauf musste geschultert werden.

Während wir uns mit einem Einkaufswagen durch die Einkaufsgänge pflügten, blieb meine Tochter verwundert vor einem Kühlregal mit grau-rötlichem Fleisch stehen und rümpfte die Nase. „Mama, was ist denn mit dem alten Fleisch da? Will das wirklich noch jemand essen?“ Auch meine Erklärung, dass dieses „gereifte“ Rindfleisch trotz seiner grauen Farbe bei manchen als Delikatesse galt und daher nur schwer zu finden sei, lies sie nicht überzeugen und zog mich schnell zu schöneren Auslagen weiter.

2017-10-21 18.39.56

Wenige Schritte aber später begrüßte uns eine Kuh, die fröhlich dreinblickend, von der Decke hing und die benachbarte Sushi-Auslage mit großen Augen betrachtete. Ob wohl die sonst veganen Wiederkäuer für das leckere „gereifte“ Fleisch Sushi verspeisten sollten und dann für einen besseren Fleischgenuss von der Decke gehangen würden? … , ging es mir zynisch bei dieser recht ungewöhnlichen Dekoration durch den Kopf.

2017-10-21 18.41.29

Doch nur wenige Meter vor dem Kassenziel staunten wir nicht schlecht. In diesem Einkaufsmarkt scheute man anscheinend für den willigen Delikatessenliebhaber keine Mühen. Hier wurden Kühe nicht für die bessere Fleischqualität mit fernöstlicher Rohfisch-Köstlichkeit gefüttert und von der Decke abgehangen, sondern während ihres Weidenganges mit Blasmusik bei Laune gehalten. Mit großen Augen starrte meine Tochter, die passionierte Trompetenspielerin ist, kopfschüttelnd auf den Bildschirm. Und auch ich konnte nur noch leise seufzen angesichts all des Aufwands um das liebe Fleisch.

In diesem Markt war beim Tanz um das goldene (Einkaufs-) Kalb anscheinend jedes Mittel recht. Wie gut, dass wir kurz vor der Kasse angelangt waren und unser samstäglicher Einkaufsmarathon ein schnelles und ausnahmsweise fleischfreies Ende finden würde.

2017-10-21 18.43.08.jpg