Und siehe, es war (nicht) sehr gut…

Nach einem anstrengenden Workout schleppte ich mich in das kleine Café des Fitnessstudios, um dort schnellstmöglich eine Kleinigkeit zum Essen zu kaufen bevor mein Zuckerhaushalt komplett absackte.

Mein Blick schweifte unwillkürlich zu einem prall gefüllten Regal. Dort reihten sich dicht an dicht Energieriegel, bunte Cookies und diverse Sorten Beef Jerky von Biorindern und lächelten mich verlockend an. Meine Wahl fiel spontan auf einen amerikanischen Keks mit weißer Schokolade und Makadamia-Nüssen. Seine Aufschrift „The Complete Cookie“ versprach eine wahrhaft perfekte Komplettlösung meines Hungerproblems.

Doch als ich in das eilig ausgepackte Gebäck biss, war meine Freude umgehend getrübt. Anstatt eines amerikanischen Cookies präsentierte sich mir ein runder nicht ganz durchgebackener Mehlklumpen, der mit unglaublich vielem Zucker versetzt war.

Als ich enttäuscht die Verpackung umdrehte, wurde mein Erstaunten noch größer. Das angeblich „vollständige“ Fitnesskeks war „einmal ohne alles“ mit viel Zucker. Dafür perfekt zusammengestellt für den veganen Hipster, der nach dem Workout seine Proteinzufuhr und seinen Vegan-Egoismus befriedigt.

Nachdenklich hielt ich den Mehl-und-Zucker-Klumpen in der Hand und zögerte mit dem weiteren Verzehr. Aus meiner Sicht war er ein sehr begrenztes menschliches Schöpfungswerk. Wie gut, dass die göttliche Schöpfung im Gegensatz dazu so wunderbar ist, dass Gott am Ende seiner Schöpfungstätigkeit zufrieden sein konnte: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1:31 a)

So hatte der Fitnesskeks am Ende doch sein Gutes, denn er erinnerte mich in unvorhergesehener Weise daran, wie unvollkommen menschliches Werk sein kann und wie perfekt Gottes wunderbares Schöpfungswerk ist.

Standard

Von Lust und Frust der Kontrollgesellschaft

Es ist wieder Pool-Saison in Übersee und natürlich muss nach einem ausgiebigen Schwimmnachmittag das aus Hygienegründen überreichlich verwendete Chlor abgewaschen werden. Mit Badeschuhen bewaffnet watscheln wir zur nächstgelegenen Dusche als mir das prominent davor aufgehängte Schild auffällt: „Vorsicht: Boden ist rutschig, wenn er naß ist“.

„Na klar!“, schießt es mir durch den Kopf, „Das Schild hätte man sich mit etwas Menschenverstand schenken können.“ Aber wirklich verwundert bin ich nicht. In Übersee wird alles geregelt, damit der andere und man (selbst vor sich?) geschützt ist.

„Liability“ (dt. Haftung) ist das Furchtwort, das viele treibt, da man in Amerika für so manches verklagt werden könnte, das in Deutschland einfach dem gesunden Menschenverstand überlassen wird.

Daran hat der unbekannte Beter des 121. Psalms wohl eher kaum gedacht, als er sein Wahlfahrtlied schrieb, das von unendlichen Vertrauen spricht: „Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.“ (V. 3) Vertrauen statt „Liability“, Glauben statt Rechtsschutz.

Denn letztendlich haben wir als Menschen doch wenig unter Kontrolle und können mit etwas Gottvertrauen (und der nötigen Briese Vernunft) so manche schwere Situation meistern.

Standard

Wenn einem immer wieder ein Licht aufgeht

Die Fußtritte kleiner und großer Füße und aufgeregter Stimmen erfüllte den Treppenaufgang.  Doch plötzlich verstummte das geschäftige Treiben vor dem Konzert. Der Blick und die Aufmerksamkeit aller Konzertteilnehmer und Besucher wurde durch ein Kunstwerk im Treppenaufgang magisch angezogen.

Ein bunter moderner Kerzenleuchter schillerte den aufgeregten Konzertbesuchern in vielen Farben entgegen als ob es nichts wichtigeres wie ihn gäbe. Seine Farbenpracht ließ die stolzen, aber nüchternen Steinway-Flügel in den Hintergrund rücken, obwohl diese besonderen und teuren Instrumente alle Besucher in die neue Steinway-Hall am Times Square geführt hatte.

2017-06-11 12.55.09

Diese imposante Lichtkunst wurde von Spencer Finch erstellt, die den Namen „Newtons Theorie von Farbe und Musik“  (1) trägt, und eine Interpretation von Johann Sebastian Bachs´s „Goldberg Variationen“ darstellt.

Um 1665 führte Newton ein Experiment durch, bei dem er weißes Licht durch ein Prisma schickte. Es streute sich in einen Regenbogen verschiedener  Farben (Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violet). In einem zweiten Schritt assoziierte er diese mit sieben korrespondierenden Noten. Der Künstler Finch wiederum verwendete diese Theorie, um Johann Sebastian Bach´s „Goldberg Variationen visuell zum klingen zu bringen. Ein visuelles Fest der Musik, bei dem so manchen Besucher, egal welcher Stimmung er sein mag, vielleicht ein Licht aufgeht, wie es der unbekannte Autor von Psalm 97 schreibt: „Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen.“

2017-06-11 16.10.24

(1) Übersetzung MG. Originaltitel: „Newton’s Theory of Color and Music (The Goldberg Variations)“

 

Standard

Von Altären, Wifi-Verstärkern und der Verbundenheit mit Gott

Spät am Abend schlurfte ich den hell erleuchteten Flur des Studentenwohnheims entlang. Ein spannender, aber auch anstrengender Seminartag lag hinter mir. Das Geräusch meiner Schritte lies den schmucklosen Flur noch leerer Erscheinen. Jetzt brauchte ich dringend eine Kraftquelle. Mein Blick suchte beim Gehen nach irgendeinem visuellen Halt in dem grauen, neutralen Flur auf dem Weg zum Zimmer als mein Blick plötzlich an einem Wifi-Verstärker hängen blieb, der an der Decke montiert war. Vier Antennen wie Hörner standen vom Gerät ab und ragten mutig in das graue Einerlei. Unversehens musste ich an Mose denken und leise in mich hinein schmunzeln. Als die Israeliten auf dem Weg in das gelobte Land waren, erging an Mose der göttliche Auftrag, einen Altar nach genauen Maßen zu bauen (Ex 27,1-8). An seinen vier Ecken sollten Hörner angebracht sein, die ihn mit dem Altar als dem Allerheiligsten und der Präsenz Gottes verbunden waren.

2017-05-17 21.56.16

Der von Gott beauftragte Altar sollte den Israeliten die Möglichkeit geben, mit ihrem Gott in direkter Verbindung zu sein. Heute könnte man vielleicht stattdessen als moderne Metapher das Bild eines Wifi-Verstärkers wählen. Durch die Empfangsantennen, die wie Hörner hervorragen, sind wir mit Gott verbunden. Das göttliche Wort wird durch sie in die jeweils eigene Situation geschickt. Aber auch Signale von uns können durch die Antennen an die Station weitergeleitet und verarbeitet werden. Was dann weiter geschieht, bleibt außerhalb unseres Machtbereiches.

Nun hatte ich es auf einmal eilig. Meine Schritte wurden mutiger und zielgerichteter, denn ich wusste nun, was mich stärken konnte: ein Gebet, ein Gespräch mit Gott. Wie gut, dass mich der Wifi-Verstärker daran erinnert hatte.

 

Standard

Der Platz im Widerstand

Star Wars Day. Alle Jahre wieder am 4. Mai. Schon im Pendlerexpresszug wurde ich via Social Media darauf hingewiesen und erhielt so manchen solidarisch-intergalaktischen  Gruß, dass die Macht mit mir sein möge. „Na, das will ich mal hoffen!“, murmelte ich leise vor mich hin während ich mein Kollarkleid zurecht zog, das mich unweigerlich als Pfarrerin kenntlich machte.

Kaum hatte der Expresszug im Grand Central angehalten, spukte er eine grauschwarze Menschenmasse auf die Gehwege des morgendlich überfüllten New Yorker Hauptbahnhofs aus. Auch ich war Teil dieser Masse und hastete auf meinem Weg zur Kirche eilig an einer Reihe von Schaufenstern vorbei als plötzlich ein großes Plakat in roter und rosa Schrift meine Aufmerksamkeit auf sich zog.  Mitten im Laufschritt hielt ich inne und zog ärgerliches Murren der sonst solidarisch schweigsam dahineilenden Pendlergenossen auf mich.

„Der Platz einer Frau ist im Widerstand“ war dort in großen Lettern zu lesen. Daneben prangte das kleinere Schild der „Resistance“, einer kleinen militärischen Kampfgruppe, die von Prinzessin Leia Organa gegründet worden war, um die „Erste Ordnung“ zu bekämpfen. Niemand weniger als eine Frau zeigt im intergalaktischen Epos der mächtigen, alles überschattenden dunklen Ordnung die Stirn.

Niemand weniger als eine Frau zeigte im Jahr 1979 der Gesellschaft die Stirn und veränderte in der politischen Welt die bis dahin üblichen Denk- und Traditionsmuster. Als Margaret Thatcher überraschend zur Premierministerin Großbritanniens gewählt worden war, hatte ihre Partei in der London Evening News ihr daher zu diesem Sieg mit den Worten „May the Fourth Be With You, Maggie. Congratulations.“ gratuliert. Ein erster, wenn auch weniger bekannter Anfang des seit 2001 immer stärker zelebrierten „Star Wars Day“. Mit der „Iron Lady“ war die erste Frau an die Spitze einer Weltmacht gelangt – und damit ein Tabu und die berühmte gläserne Decke durchbrochen worden. Dennoch bedurfte es noch der Anstrengung vieler weiterer Frauen, die unsichtbare Barriere zu überwinden, deren Existenz seit den 1980er-Jahren durch zahlreiche internationale wissenschaftliche Studien nachgewiesen werden konnte.

In meiner eigenen Landeskirche wurde die Ordination von Frauen nach erbitterten Auseinandersetzungen und vielen Diskussionen im Dezember 1975 eingeführt. Es dauerte 25 weitere Jahre bis mit Susanne Breit-Keßler die erste Frau in ein bischöfliches Amt in Bayern gewählt wurde. All diesen und zahlreichen anderen tapferen Vorkämpferinnen ist es zu verdanken, dass wir Nachfolgenden mehr Chancen erhalten und zunehmend mehr aufgrund unserer Eignung als unseres Geschlechtes beurteilt werden.

Aber es gibt sie dennoch weiterhin, die gläserne Decke. Trotz der Anstrengungen vieler Vorgängerinnen. Auch ich habe die Erfahrung machen müssen, dass ich in einem trotz aller Veränderungen immer noch männlich dominierten Beruf doppelt so viel leisten muss, um die gleiche oder eine ähnliche Anerkennung zu erhalten. Manche stellen sogar meine Eignung aufgrund des Geschlechts in Frage.

Aber vielleicht kann auch ich wie meine Vorbilder etwas dazu beitragen, dass die gläserne Decke an der einen oder anderen Stelle Gerechtigkeit und Chancengleichheit weichen mag…

Eine Person stieß hart gegen meine Schulter und riß mich aus meinen Gedanken, die an der Schaufensterauslage klebten. Während der unablässige Strom an Pendlern mich zum U-Bahneingang mitriss, nickte ich zustimmend, während sich das Plakat in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Der Platz einer Frau ist im Widerstand.

Standard

Ein alt(gedient)er Hut

Freie Tage nach Ostern sind perfekt, um ein wenig Ordnung zu schaffen und die Garderobe auf Frühling umzustellen. Jacken, Mützen und Handschuhe wandern frisch gewaschen und in Umzugskartons verpackt in den Keller. Während ich meinen schwarzen Hut von Fusseln & Co. befreie, dreht sich der altgediente Gefährte flink in meinen Händen.

Eigentlich ist qua Kirchenrecht nur das sogenannte Barett erlaubt, aber was hat eine Kirchengemeinde schon davon, wenn ich nach jeder Beerdigung, jeder Veranstaltung draußen, mehrere Tage mit einer Sinusitis krank im Bett liege? So habe ich mir vor über zehn Jahren einen schicken, einfachen Filzhut gekauft, der mich seitdem treu und brav begleitet. Mit jeder Drehung, bei der ich mit der Fusselbürste über seine Öberfläche strich, wurden alte Erinnerungen wach: Ein gemeindlicher Adventsmarkt in Franken mit bitterkaltem Wetter und wunderbar leckerem Glühwein. Eine stürmische Bestattung auf einer schottischen Insel, bei der mir wortwörtlich der Regen über die Hutkrempe in den Kragen des Talars und von dort aus in die Schuhe lief. Die wohltuende Wärme auf dem Kopf, die gegen die innere Kälte ankämpfte, weil niemand außer dem Bestatter und mir zur Sozialbestattung am Münchner Waldfriedhof gekommen war. Hektisches Schneeschaufeln vor der Kirche in New York, um den Gottesdienstbesuchern einen ungefährlichen Eintritt zu ermöglichen. 

Er ist mir zu einem treuen und altgedienten Begleiter geworden, der schwarze Hut, der so ganz und gar nicht wie ein alter Hut daherkommt.

Nachdenklich streiche ich über seine Oberfläche. Welche Erlebnisse warten wohl in der kommenden Wintersaison auf uns? Aber jetzt ist erst einmal Frühling! Und der Hut hat etwas Ruhe verdient. So verstaue ich ihn in seinem Winterquartier, wo er seinen Frühlings- und Sommerschlaf abhalten wird, bis ich ihn im Herbst wieder in den Dienst rufe.

__________________________________________

Für den aufmerksamen Leser: der Hut ist von „Balke Fashion“ (www.balke.de)

Standard

Zeitengleiche auf dem Weg zu Ostern

Voller Freude füllte der Gesang der Feiergesellschaft die kleine New Yorker Wohnung. „Da-Dayenu, dayenu, it would have sufficed us!“ 

Kurz nachdem wir den Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert hatten, waren wir am darauffolgenden Montagabend bei jüdischen Freunden zur Familien-Seder-Feier eingeladen. Trotz des räumlichen Abstands zu Jerusalem befänden wir uns unversehens wie in einer Zeitengleiche mitten in der Karwoche auf dem Weg zu Ostern. Wir waren Teil eines Festes in einem vertrauten Kreis, wie Jesus es vor seiner Kreuzigung gefeiert hatte.

Das Lied „Dayenu“, das vielstimmig erklang, steht in der Haggadah. Es wird traditionell nach der Erzählung des Exodus und vor der Erklärung des Passahmahls gesungen. Der Gesang hebt hervor, wie wichtig es ist Gott für alle Geschenke des Lebens dankbar zu sein. So gedenkt das Volk Israel in Dankbarkeit der Befreiung aus der Sklaverei, dem Geschenk des Shabbats und der Thora.

Dankbarkeit erfüllte auch uns an diesem Abend, Teil dieser intimen Familienfeier sein zu dürfen und auch unsere eigene Tradition und vor allem Jesu letzte Tage näher verstehen zu können.

Welch ein wunderbares Geschenk der Freundschaft und Nähe, mit dem uns der interreligiöse Dialog gesegnet hatte. Gershom Scholem hob einst hervor, dass der grundsätzliche Unterschied zwischen Christen und Juden in dem Dasein bzw. der Erwartung des Messias läge. Bis man einst im Himmel die endgültige Antwort auf diese Frage habe, lohne es sich nicht zu streiten.

Vielmehr weisen die Gemeinsamkeiten einen Weg in eine friedliche und liebevolle Zukunft. Eine wichtige Botschaft auf dem Weg zu Ostern.

Standard