Von Altären, Wifi-Verstärkern und der Verbundenheit mit Gott

Spät am Abend schlurfte ich den hell erleuchteten Flur des Studentenwohnheims entlang. Ein spannender, aber auch anstrengender Seminartag lag hinter mir. Das Geräusch meiner Schritte lies den schmucklosen Flur noch leerer Erscheinen. Jetzt brauchte ich dringend eine Kraftquelle. Mein Blick suchte beim Gehen nach irgendeinem visuellen Halt in dem grauen, neutralen Flur auf dem Weg zum Zimmer als mein Blick plötzlich an einem Wifi-Verstärker hängen blieb, der an der Decke montiert war. Vier Antennen wie Hörner standen vom Gerät ab und ragten mutig in das graue Einerlei. Unversehens musste ich an Mose denken und leise in mich hinein schmunzeln. Als die Israeliten auf dem Weg in das gelobte Land waren, erging an Mose der göttliche Auftrag, einen Altar nach genauen Maßen zu bauen (Ex 27,1-8). An seinen vier Ecken sollten Hörner angebracht sein, die ihn mit dem Altar als dem Allerheiligsten und der Präsenz Gottes verbunden waren.

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Der von Gott beauftragte Altar sollte den Israeliten die Möglichkeit geben, mit ihrem Gott in direkter Verbindung zu sein. Heute könnte man vielleicht stattdessen als moderne Metapher das Bild eines Wifi-Verstärkers wählen. Durch die Empfangsantennen, die wie Hörner hervorragen, sind wir mit Gott verbunden. Das göttliche Wort wird durch sie in die jeweils eigene Situation geschickt. Aber auch Signale von uns können durch die Antennen an die Station weitergeleitet und verarbeitet werden. Was dann weiter geschieht, bleibt außerhalb unseres Machtbereiches.

Nun hatte ich es auf einmal eilig. Meine Schritte wurden mutiger und zielgerichteter, denn ich wusste nun, was mich stärken konnte: ein Gebet, ein Gespräch mit Gott. Wie gut, dass mich der Wifi-Verstärker daran erinnert hatte.

 

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Der Platz im Widerstand

Star Wars Day. Alle Jahre wieder am 4. Mai. Schon im Pendlerexpresszug wurde ich via Social Media darauf hingewiesen und erhielt so manchen solidarisch-intergalaktischen  Gruß, dass die Macht mit mir sein möge. „Na, das will ich mal hoffen!“, murmelte ich leise vor mich hin während ich mein Kollarkleid zurecht zog, das mich unweigerlich als Pfarrerin kenntlich machte.

Kaum hatte der Expresszug im Grand Central angehalten, spukte er eine grauschwarze Menschenmasse auf die Gehwege des morgendlich überfüllten New Yorker Hauptbahnhofs aus. Auch ich war Teil dieser Masse und hastete auf meinem Weg zur Kirche eilig an einer Reihe von Schaufenstern vorbei als plötzlich ein großes Plakat in roter und rosa Schrift meine Aufmerksamkeit auf sich zog.  Mitten im Laufschritt hielt ich inne und zog ärgerliches Murren der sonst solidarisch schweigsam dahineilenden Pendlergenossen auf mich.

„Der Platz einer Frau ist im Widerstand“ war dort in großen Lettern zu lesen. Daneben prangte das kleinere Schild der „Resistance“, einer kleinen militärischen Kampfgruppe, die von Prinzessin Leia Organa gegründet worden war, um die „Erste Ordnung“ zu bekämpfen. Niemand weniger als eine Frau zeigt im intergalaktischen Epos der mächtigen, alles überschattenden dunklen Ordnung die Stirn.

Niemand weniger als eine Frau zeigte im Jahr 1979 der Gesellschaft die Stirn und veränderte in der politischen Welt die bis dahin üblichen Denk- und Traditionsmuster. Als Margaret Thatcher überraschend zur Premierministerin Großbritanniens gewählt worden war, hatte ihre Partei in der London Evening News ihr daher zu diesem Sieg mit den Worten „May the Fourth Be With You, Maggie. Congratulations.“ gratuliert. Ein erster, wenn auch weniger bekannter Anfang des seit 2001 immer stärker zelebrierten „Star Wars Day“. Mit der „Iron Lady“ war die erste Frau an die Spitze einer Weltmacht gelangt – und damit ein Tabu und die berühmte gläserne Decke durchbrochen worden. Dennoch bedurfte es noch der Anstrengung vieler weiterer Frauen, die unsichtbare Barriere zu überwinden, deren Existenz seit den 1980er-Jahren durch zahlreiche internationale wissenschaftliche Studien nachgewiesen werden konnte.

In meiner eigenen Landeskirche wurde die Ordination von Frauen nach erbitterten Auseinandersetzungen und vielen Diskussionen im Dezember 1975 eingeführt. Es dauerte 25 weitere Jahre bis mit Susanne Breit-Keßler die erste Frau in ein bischöfliches Amt in Bayern gewählt wurde. All diesen und zahlreichen anderen tapferen Vorkämpferinnen ist es zu verdanken, dass wir Nachfolgenden mehr Chancen erhalten und zunehmend mehr aufgrund unserer Eignung als unseres Geschlechtes beurteilt werden.

Aber es gibt sie dennoch weiterhin, die gläserne Decke. Trotz der Anstrengungen vieler Vorgängerinnen. Auch ich habe die Erfahrung machen müssen, dass ich in einem trotz aller Veränderungen immer noch männlich dominierten Beruf doppelt so viel leisten muss, um die gleiche oder eine ähnliche Anerkennung zu erhalten. Manche stellen sogar meine Eignung aufgrund des Geschlechts in Frage.

Aber vielleicht kann auch ich wie meine Vorbilder etwas dazu beitragen, dass die gläserne Decke an der einen oder anderen Stelle Gerechtigkeit und Chancengleichheit weichen mag…

Eine Person stieß hart gegen meine Schulter und riß mich aus meinen Gedanken, die an der Schaufensterauslage klebten. Während der unablässige Strom an Pendlern mich zum U-Bahneingang mitriss, nickte ich zustimmend, während sich das Plakat in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Der Platz einer Frau ist im Widerstand.

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Ein alt(gedient)er Hut

Freie Tage nach Ostern sind perfekt, um ein wenig Ordnung zu schaffen und die Garderobe auf Frühling umzustellen. Jacken, Mützen und Handschuhe wandern frisch gewaschen und in Umzugskartons verpackt in den Keller. Während ich meinen schwarzen Hut von Fusseln & Co. befreie, dreht sich der altgediente Gefährte flink in meinen Händen.

Eigentlich ist qua Kirchenrecht nur das sogenannte Barett erlaubt, aber was hat eine Kirchengemeinde schon davon, wenn ich nach jeder Beerdigung, jeder Veranstaltung draußen, mehrere Tage mit einer Sinusitis krank im Bett liege? So habe ich mir vor über zehn Jahren einen schicken, einfachen Filzhut gekauft, der mich seitdem treu und brav begleitet. Mit jeder Drehung, bei der ich mit der Fusselbürste über seine Öberfläche strich, wurden alte Erinnerungen wach: Ein gemeindlicher Adventsmarkt in Franken mit bitterkaltem Wetter und wunderbar leckerem Glühwein. Eine stürmische Bestattung auf einer schottischen Insel, bei der mir wortwörtlich der Regen über die Hutkrempe in den Kragen des Talars und von dort aus in die Schuhe lief. Die wohltuende Wärme auf dem Kopf, die gegen die innere Kälte ankämpfte, weil niemand außer dem Bestatter und mir zur Sozialbestattung am Münchner Waldfriedhof gekommen war. Hektisches Schneeschaufeln vor der Kirche in New York, um den Gottesdienstbesuchern einen ungefährlichen Eintritt zu ermöglichen. 

Er ist mir zu einem treuen und altgedienten Begleiter geworden, der schwarze Hut, der so ganz und gar nicht wie ein alter Hut daherkommt.

Nachdenklich streiche ich über seine Oberfläche. Welche Erlebnisse warten wohl in der kommenden Wintersaison auf uns? Aber jetzt ist erst einmal Frühling! Und der Hut hat etwas Ruhe verdient. So verstaue ich ihn in seinem Winterquartier, wo er seinen Frühlings- und Sommerschlaf abhalten wird, bis ich ihn im Herbst wieder in den Dienst rufe.

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Für den aufmerksamen Leser: der Hut ist von „Balke Fashion“ (www.balke.de)

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Zeitengleiche auf dem Weg zu Ostern

Voller Freude füllte der Gesang der Feiergesellschaft die kleine New Yorker Wohnung. „Da-Dayenu, dayenu, it would have sufficed us!“ 

Kurz nachdem wir den Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert hatten, waren wir am darauffolgenden Montagabend bei jüdischen Freunden zur Familien-Seder-Feier eingeladen. Trotz des räumlichen Abstands zu Jerusalem befänden wir uns unversehens wie in einer Zeitengleiche mitten in der Karwoche auf dem Weg zu Ostern. Wir waren Teil eines Festes in einem vertrauten Kreis, wie Jesus es vor seiner Kreuzigung gefeiert hatte.

Das Lied „Dayenu“, das vielstimmig erklang, steht in der Haggadah. Es wird traditionell nach der Erzählung des Exodus und vor der Erklärung des Passahmahls gesungen. Der Gesang hebt hervor, wie wichtig es ist Gott für alle Geschenke des Lebens dankbar zu sein. So gedenkt das Volk Israel in Dankbarkeit der Befreiung aus der Sklaverei, dem Geschenk des Shabbats und der Thora.

Dankbarkeit erfüllte auch uns an diesem Abend, Teil dieser intimen Familienfeier sein zu dürfen und auch unsere eigene Tradition und vor allem Jesu letzte Tage näher verstehen zu können.

Welch ein wunderbares Geschenk der Freundschaft und Nähe, mit dem uns der interreligiöse Dialog gesegnet hatte. Gershom Scholem hob einst hervor, dass der grundsätzliche Unterschied zwischen Christen und Juden in dem Dasein bzw. der Erwartung des Messias läge. Bis man einst im Himmel die endgültige Antwort auf diese Frage habe, lohne es sich nicht zu streiten.

Vielmehr weisen die Gemeinsamkeiten einen Weg in eine friedliche und liebevolle Zukunft. Eine wichtige Botschaft auf dem Weg zu Ostern.

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Gemeinsam für ein Recht auf Heimat

Der Mitternachtmond erhob sich weiß und mächtig am dunklen Nachthimmel. Große und kleine Sterne schienen von gekonnter Schöpferhand in das blaue Firmament gestickt zu sein. Eine junge Mutter, deren Siluette von einem langen Schal umrahmt war, hielt ihr schlafendes Kleinkind in den Armen während der Esel treu seines Weges trottete.

Mit gedeckter, aber selbstbewusster Stimme zeigte Anwar Khan, CEO des Islamic Relief USA auf das Bild des „Episcopal Migration Ministries“. „Dieses Bild der anglikanischen Flüchtlingshilfe könnte heute genauso aussehen. Maria sieht aus wie eine islamische Syrerin von heute auf der Flucht.“

Es waren diese und viele andere Gemeinsamkeiten, vor allem aber das gemeinsame Bemühen um fundamentale Menschenrechte, die Vertreter aller Glaubensrichtungen am Gründonnerstag in den großen Sitzungssaal der UN zur Tagung „Focus on Faith“ gerufen hatte. Zu verdanken war diese außergewöhnliche Tagung, die auf große Resonanz trotz einer geschäftigen Karwoche stieß, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage. Auch diese Kirche hatte Vertreibung und Verfolgung erleben müssen und engagiert sich aufgrund dieser traumatischen Erfahrung sehr aktiv in der Flüchtlingshilfe. Fasziniert lauschten wir Jean Bingham, der Leiterin der Relief Society, während sie von deren eindrucksvoller Arbeit berichtete.

Die Vision eines gemeinsamen Bemühens über Religionsgrenzen hinweg, die durch alle Panelmitglieder deutlich wurde, ist eine Inspiration für ein weltumspannendes Bemühen, das jenseits der Unterschiede an dem arbeitet, was wirklich zählt: Menschen rund um den Globus als Geschöpfe Gottes ihr Recht auf ein freies und sicheres Leben zu ermöglichen.


(Bild: Julie Colton, LDS New York)

(V.l.n.r.: Anwar Khan, Islamic Relief USA; Felipe Queipo, Public Information Officer; n.n.; Abdul Saboor, Match Grant Program Coordinator; Jean B. Bingham, President Relief Society, LDS; Caryl M. Stern, CEO UNICEF; Barbara Day, Domestic Resettlement Chief; Mark Stevenson, Director Episcopal Migration Ministries; n.n., Maria Fare, Sustainable Development Goals Action Campaign, UN)

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Bekenntnisfall „Ostern“

Für Pfarrerinnen und Pfarrer eröffnet sich in Übersee ein ganz neues religiöses Entdeckungsfeld. Nicht ganz unerwartet auch so manches unbekannte religiöse Souvenir oder Accessoire, das man in der alten Welt noch nie gesehen hat.

Neben den mit dem auferstandenen Jesus gefüllten Ostereiern (https://germanpastornyc.wordpress.com/2017/02/21/jesus-aus-dem-ei-gepellt/ ) gibt es eine mir bis zu unserem Umzug nach Übersee unbekannte Tradition, Plastikeier mit so mancher schöner Überraschung zu füllen. Eine Art „Ü-Ei“ zum Selbstbefüllen oder bereits fertig gefüllt zum Kaufen.

Nachdenklich drehe ich in der Vorbereitung auf Ostern die bunten Plastikeier hin und her, die in wenigen Tagen das Osternest meiner Kinder schmücken werden. Auf ihnen ist  in bunten Lettern die Aufschrift „Halleluja“, „Rejoice“ und „He is risen“ abgedruckt. Deutlich kann ich beim Hin- und Herbewegen der bunten Plastikeier spüren, dass sich im Inneren ein bewegliches Etwas – ein „Flummi“ – befindet. Dieser soll ein Zeichen für die Freude sein, die uns an Ostern ergreift wie ein kleines Kind und uns hüpfen und tanzen lässt. Ein wunderbares Symbol für die belebende Freude über das wichtigste Ereignis der Christenheit: Die Auferstehung Jesu von den Toten.

Doch in den allermeisten gefüllten Plastikeiern, die Jahr um Jahr in Übersee verschenkt werden, befindet sich kein solches Symbol. Süßigkeit und Kleinspielzeug hingegen versprechen kurzanhaltende Freude. Eigentlich verwundert mich diese symbolisierte Schnelllebigkeit kaum, denn während christliche Gemeinden am Ostersonntag ihren Festgottesdienst feiern, steht für viele zu dieser „Sonntags-Prime-Time“ ein attraktiveres Alternativprogramm auf dem Plan: Osterbrunch im Restaurant, Ostereier-Suchen im Park, und so vieles mehr.

So wird Ostern ganz schnell zum „Bekenntnisfall“, an dem deutlich wird, wie es um das Herz des einzelnen steht. Ein Frühlings- und Konsumfest? Ein christliches Freudenfest?

Ich jedenfalls freue mich auf die christliche Osterfreude, die wir in unserer wenn auch sehr übersichtlichen Gemeinde und Familie einziehen lassen werden.

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Investieren gegen den finanziellen Trend

Frank Sinatras Stimme erfüllte voluminös und selbstbewusst den festlich geschmückten Saal. „Start spreading the news, I’m leaving today. I want to be a part of it, New York, New York.“ Über vierhundert Polizistinnen und Polizisten der NYPD zogen unter dem Applaus aller anwesender Familien, Freunde und Kollegen in den Madison Square Garden ein. Nach über sechs Monaten intensivem Trainings wurden sie nun für ihren Dienst in einer der turbulentesten und buntesten Metropolen der Welt vereidigt. Sie stammten aus 21 Ländern, sprachen 53 unterschiedliche Sprachen, und fanden in diesem Dienst eine gemeinsame Berufung und Aufgabe.

Für mich war es eine Ehre, das erste Mal Teil dieser Festgemeinschaft sein zu dürfen. Seit gut zwei Jahren darf ich die örtliche Polizeistation und deren Arbeit als sogenannte „Clergy Liasion“ begleiten. Weltweit einzigartig hat die New Yorker Polizei nach den massiven Schwierigkeiten des Jahres 2014 einen tiefgreifenden Kurswechsel vorgenommen. Nach und nach spannt die NYPD ein Netz des Vertrauens über den Big Apple. Neben der Begleitung durch ausgewählte Geistliche wird nun kontinuierlich ein neues Programm umgesetzt, das auf positive und vorbeugende Kontaktpflege statt anonymer „Massenabfertigung“ im Konfliktfall setzt. Sogenannte „Neighborhood Community Officer“ in jeweils festgelegten und überschaubaren Gebieten können sich genau um das bemühen, was Vertrauen bildet: Richtige, menschennahe Begegnungen. Investieren gegen den finanziellen Trend, in das was wirklich zählt. Menschen.

Ein vorbildliches und zukunftsweisendes Konzept, das Seinesgleichen in der Gegenwart sucht. Nach meiner Meinung ein Schlüssel zu einer immer sichereren Megametropole. Als Pfarrerin ist es für mich eine bereichernde und bewegende Erfahrung, Teil dieser wichtigen Veränderung sein zu dürfen.

Begeisterter Applaus gratulierte tobend die frischgebackenen Polizisten, während weiß-blauer Konfetti-Regen auf sie herabrieselte. Möge Gottes Segen sie in ihrem Dienst begleiten, sowie viele loyale Begleiter, während sie nun in ihren Beruf hineinwachsen.

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