Für Hungernde sorgen – Corona und seine Auswirkungen in New York

Es herrschte konzentrierte Stille in der Sporthalle der jüdischen Gemeinde. Ich überprüfte nochmals ganz genau die Anzahl der Essenstüten, die ich vorbereitet hatte. Dann wendete ich mich einem Stapel mit Dosen, getrockneten Früchten, Reis, Nudeln und frischen Äpfeln zu. Sie alle erhielten einen Platz in den braunen Papiertüten, die schon bald an diejenigen ausgegeben werden würden, die in dieser Pandemie schnell aus dem Blick kommen.

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Mit mehreren Freiwilligen arbeite ich als Pfarrerin bei einer jüdischen Tafel mit, die eine Freundin betreibt. Die kleine Gruppe von Freiwilligen kämpft mit dem wachsenden Bedarf an Essensspenden, die an die Ärmsten der Armen ausgegeben wird. 940 000 illegale Immigranten leben laut des Migrations-Strategie-Amtes („Migration Policy Institute“) in New York. 31% dieser ohne Genehmigung in den USA sich aufhaltenden Personen stammen ursprünglich aus Mexiko und Zentralamerika. Die Ärmsten der Armen, illegale Immigranten, die zumeist aus Südamerika in die USA vor Krieg und Verfolgung geflohen waren und hier versuchten ihren Kindern ein neues Leben aufzubauen, haben in den letzten Wochen des „Lock Downs“ ihre Jobs verloren. Nun fehlt besonders ihnen das tägliche Brot.

Aber auch sie sind kein Einzelfall, sondern die USA und vor allem der Großraum New York wird noch lange mit den Schwierigkeiten der sekundären Auswirkungen dieser Pandemie zu kämpfen haben.

Da heißt es mit Anpacken. New Yorker aber sind resilient. Sie lassen den Mut nicht sinken, sondern packen tatkräftig mit an und teilen, was sie haben. Bereits nach 9/11 war dies deutlich spürbar. Es ist genau dieser Geist, der auch jetzt wieder zum Tragen kommt. Ein hoffnungsvolles Zusammenrücken, das ich als Pfarrerin hautnah erleben darf während ich Seite an Seite mit Nachfahren von Holocaust-Überlebenden mich tatkräftig um die Kümmern darf, die es am nötigsten haben und die von Hunger bedroht sind.

Ja, New York mag gegenwärtig das größte Krisengebiet dieser Welt sein, aber wir rücken zusammen und stärken einander in dieser schweren Karwoche und Pessach-Zeit. Ein Stück Hoffnung in Krisenzeiten.

Feeding Westchester

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Falls ihr könnt, würde ich mich ungemein freuen, wenn ihr die Dachorganisation „Feeding Westchester“ unterstützen würdet, die die kleine Tafel mit Essensspenden versorgt.

Video zum Spendenaufruf.

Link zu meinem Spendenaufruf: Feeding Westchester

Neue Wege wagen – digitaler KU und digitale Meetings als Hilfsmittel für Gemeinde und Pfarramt in Zeiten von Corona

Corona ist in aller Munde. Noch in einigen Jahren werden wir es als ein einschneidendes Erlebnis in Erinnerung behalten. Für uns Pfarrerinnen und Pfarrer stellt sich wie für alle kommunikativen und auf Kontakt ausgerichteten Professionen die Frage, wie wir den wichtigen menschlichen Kontakt aufrechterhalten und gleichzeitig vor allem für die wenigen unter uns schützen, die besonders gefährdet durch den Virus sind.

Daher ganz praktisch an dieser Stelle für all diejenigen, die gegenwärtig neue Wege wagen müssen, meinen kleinen Erfahrungsbogen mit digitalen Treffen und Veranstaltungen:

Digitaler Konfirmandenunterricht

Was erst aus der Not der großen Fläche unserer deutschsprachigen Auslandsgemeinde am Big Apple entstand, ist nun ein Segen. Unsere Gemeindeglieder wohnen in drei US-Bundesstaaten, daher sind auch die Wohnorte unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden weit voneinander entfernt. Um drei dieser Jugendlichen zu erreichen, habe ich im Herbst den Sprung in eine Kombination von analogem und digitalem Unterricht gewagt.

Als Plattform hat sich Zoom als die geeignetste gezeigt. Sie ist stabil, man kann „Brake Out“-Sessions anbieten, Dokumente teilen, Bildschirm freigeben, Filme zeigen, miteinander Chatten.

Für Materialien und Arbeitsaufgaben verwende ich Google Classroom. Hier hinterlege ich Material, stelle Links ein. Weiterhin können wir gut kommunizieren. Arbeitsaufgaben können ebenso gestellt, an sie erinnert und kommentiert werden.

Abwesende Konfirmandinnen und Konfirmanden können die Stunde mittels einer Aufnahme leicht nachholen. Das hilft bei einer eventuellen Krankheit oder durch andere Gründe evozierten Abwesenheit.

Was selbstverständlich ist, aber vielleicht nicht jeder Gemeinde präsent: Die Technik des Host muss auf dem neuesten Stand sein, damit unnötige Ärgernisse ausbleiben. Daher ist es durchaus eine finanzielle Investition. Mein Rat: neueres Notebook oder MacBook, gute  digitale Kamera und ein Tischmikrophon, das die Gespräche gut aufnimmt.

Digitale Meetings

Im Kirchenrat, dem kirchenleitenden Gremium, gibt es schon seit geraumer Zeit die Möglichkeit einer digitalen Teilnahme. Auch hier hat sich Zoom als eine gute und stabile Plattform erwiesen. Der Vorteil ist bei dieser Möglichkeit, dass auch technikdistanzierte Personen sich mit einem normalen Telefon „einwählen“ und teilnehmen können.

Dokumente können live ganz einfach gezeigt werden. Das spart Papier und hilf bei der Visualisierung. Das Dokument selbst kann dann digital versandt werden.

Soweit in dieser komplexen Situation mein Erfahrungshorizont. Lasst uns in allen Einschränkungen auch die Chancen entdecken, die in dieser Situation liegen. Wer weiß? Vielleicht blicken wir in einigen Jahren zurück und sehen, welche neuen Wege dies eröffnet hat…

Allen Betroffenen wünsche ich Gottes Segen und Seinen Schutz! Möge Er Seine Hände über euch halten.

Herzliche Grüße aus New York

Miriam Groß

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#Hunters – von einer neuen Serie in einer Zeit des ansteigenden #Antisemitismus

Es war kaum Platz im Regal. Murrend schob ich das neue Spiel in einen kleinen Zwischenraum unseres Spielregals. Brettspiele sind ein wichtiger und freudiger Teil unserer knappen Familienzeit und eine wunderbare Möglichkeit, dem einerlei des Alltags zu entfliehen und in ganz neue Rollen zu schlüpfen. Selbstverständlich reiht sich in die Kollektion der Spiele auch das klassische Schachspiel ein, das unseren Sohn auf so manches Tournier begleitet hat.

Doch die Harmlosigkeit des Schachs wich gestern unvorhergesehen schnell und machte es zu einem makaberen Instrument des Hasses, als es gestern in mehreren Szenen über die Leinwand des Museum of Jewish Heritage glitt. Dort hatten sich mehrere hundert Menschen zum Preview der neuen Amazon-Serie Hunters und einer nachfolgenden Podiumsdiskussion mit Autor David Weil, Schauspieler Josh Radnor und Radiomoderatorin Jessica Shaw eingefunden.

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Die Serie spielt im New York von 1977. Dem Jahr, indem der erste Star Wars Film Premiere feierte. Doch die Harmlosigkeit eines Kinobesuches weicht schnell der Realität der damaligen Zeit: Drogen, Gang-Brutalität und finanzielle Nöte rücken schnell ins Auge des Betrachters, um dann umgehend einer noch größeren Gefahr Platz zu machen: der Bedrohung durch Nazi-Verbrecher, die in USA nach ihren Gräueltaten eine neue Heimat gefunden haben.

Jonah Heidelbach (Logan LermanThe Perks of Being a Wallflower, the Percy Jackson Filme), der Enkel einer Holocaust-Überlebenden, muss eines Abends mitansehen, wie seine geliebte Großmutter in ihrem Wohnzimmer von einem Einbrecher ermordet wird. Bis zu diesem Zeitpunkt war er noch wenig mit den Geschehnissen des Holocaustes in Berührung gekommen. Seine Großmutter, die in Auschwitz knapp dem Tod entronnen war, hatte ihm wenig über diese Zeit erzählt. Doch der Verdacht eines simplen Einbruchs mit Todesfolge weicht schnell der beunruhigenden Entdeckung, dass Nazi-Verbrecher weiterhin in tödlicher Weise agieren und in USA ein gefährliches Netz der Bedrohung in einflußreiche Bereiche der amerikanischen Gesellschaft spannen.

Als der traumatisierte Jonah den Freund seiner Großmutter Meyer Offerman (Al Pacino) besucht, finden sie sich zum einem Schachspiel ein. Bei einer schnell gespielten Partie erklärt Meyer Offerman dem bis dato unwissenden Jonah, dass es sich mit der Geschichte wie mit einem Schachspiel verhalte: Es würde immer wieder eine weitere Runde geben, die mit neuen Spielern versehen sei. Bei jedem neuen Spiel hoffe man auf einen anderen Ausgang… 

Kurze Zeit später entdeckt Jonah, dass Meyer Offerman der Kopf einer Gruppe ist, die Nazis jagt und der seine Großmutter angehörte. Nachdem er selbst fast in die Fänge des Mörders gerät, schließt er sich dieser Gruppe an. Welche weiteren Facetten Schach in der ersten Folge spielt, bleibt dem Leser selbst beim Ansehen der Serie herauszufinden.

Die Serie, die am 21. Februar auf Amazon veröffentlicht werden wird, hat eine unglaubliche Brisanz in einer Zeit, in der ein Anstieg antisemitischer Straftaten weltweit stattfindet. Allein in New York verzeichnete die NYPD einen Anstieg um 26% im vergangenen Jahr mit einer schockierenden Kumulation im Dezember.

In der anschließenden Podiumsdiskussion sprach Autor David Weil, selbst Nachfahre von Holocaust-Überlebenden, von der Entstehung der Serie, die nicht nur hochkarätig besetzt ist, sondern durch Fachpersonen engmaschig begleitet wurde. Das Museum of Jewish Heritage öffnete hierzu zum Beispiel seine Türen zur gegenwärtigen „Auschwitz“ Ausstellung und diente als wichtige Quelle für die Erforschung dieser Zeit. Wenn auch einige Szenen der künstlerischen Vorstellung entspringen, so machen sie die Brutalität der einstigen Nazi-Agitatoren transparent. Sie mögen vielleicht in Auschwitz kein Schach mit Menschen als Figuren gespielt haben, aber, so berichtete Weil, gab es Nazi-Funktionäre, die aus reiner Lust Kindern und Jugendlichen zur Folter Zähne ausrissen.

Es gibt viel zu sagen und noch mehr nachdenken über die ethische-moralische Dimension des dargestellten Vergeltungshandelns. Dies soll auf keine Weise in Abrede gestellt werden und wird, soviel sei hier verraten, in den darauffolgenden Episoden in all seinen Facetten aufgezeigt werden. Aufgrund der dargestellten Gewalt ist die Serie in Deutschland erst ab 16 Jahren freigegeben, in USA ab 17.

Mich hat dieser Film bis spät in den Morgen hinein beschäftigt. Nicht nur aufgrund der sehr bildlichen Darstellung, sondern vor allem aufgrund der durchaus greifbaren Bedrohung des ansteigenden Antisemitismus. Wenn in der „neuen“ Schachpartie der Geschichte und Gegenwart wirklich alle Spieler ausgetauscht wurden, so müssen wir als Spieler darauf achten, dass Haßgedanken und -taten nicht die Oberhand erlangen werden.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Die schwere Glastür schwang unter dem Druck meiner Hand erstaunlich leicht auf und lenkte meine Schritte in einen offenen, mit hellem Holz getäfelten Verkaufsraum. An den Wänden befanden sich zahlreiche, lang gestreckte Spiegel. In einem vollführte ein muskulärer Mann Box-Übungen, während unter seiner Projektion zahlreiche Namen mit Werten abgebildet waren. In einem anderen schwebte eine junge Frau in Idealmaßen über den Spiegel und lächelte trotz anstrengender Übungen als ob sie einen leichten Sonntagsspaziergang machen würde.

Während mein Blick über die verschiedenen Spiegel glitt, kam eine sportlich gekleidete Dame lächelnd auf mich zu. Nach einer kurzen Vorstellung erklärte sie mir begeistert den neuen Sport-Spiegel „Mirror“, der das Fitnessstudio direkt nach Hause bringen würde und gleichzeitig ein wunderbarer Ankleidespiegel für die Dame von Welt sei.

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Während ihre Begeisterung immer mehr Raum in der schlichten Ausstellung einnahm, weckten ihre Worte tief in mir liegende Erinnerungen an einen vor langem gelesenen Roman. Der Spiegel erinnerte mich an den „Televisor“, ein Instrument der Unterdrückung und Überwachung in George Orwells „1984“:

Drinnen in der Wohnung verlas eine klangvolle Stimme eine Zahlenstatistik über die Roheisenproduktion. Die Stimme kam aus einer länglichen Metallplatte, die einem dumpfen Spiegel ähnelte und rechter Hand in die Wand eingelassen war.

Winston drehte an einem Klopf, und die Stimme wurde daraufhin etwas leiser, wenn auch der Wortlaut noch zu verstehen bleib. Der Apparat, ein sogenannter Televisor oder Hörsehschirm, konnte gedämpft werden, doch gab es keine Möglichkeit, ihn völlig abzustellen.

George Orwell, 1984, S. 6.

Der totale Überwachungsstaat hat in „1984“ alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrungen. Neben Sprache und Gesellschaft wird jede Person bis in ihr Privatleben hinein überwacht. Zentrales Überwachungselement ist hierbei der Televisor. Dieser Spiegel war in der Wohnung der Hauptfigur Winston Smith im Gegensatz zu anderen Umgebungen so angebracht, dass er einen kleinen „überwachungssicheren“ Bereich produzierte. Hier schrieb er in ein kleines Tagebuch, das Inbegriff seiner Freiheit wurde und dessen Besitz unter Androhung massiver Strafen streng verboten war.

Als die Verkäuferin bei den finanziellen Aspekten des Spiegels angelangt war, tauchte ich aus den Erinnerungen des Romans auf. Der hohe Verkaufspreis von $ 1.499 und $ 499 Jahresmitgliedschaft wären ein kleiner Nachteil, wenn man die vielen Vorteile abwägen würde, die von dem im eigenen Heim befindlichen Fitnessstudio bis hin zu einem breiten Spektrum an sportlichen Angeboten reichen würde. Dabei pries sie das gegenwärtige Schnäppchen eines Personaltrainings für $ 40/h an. Bei Einzel- und Gruppentraining würden die eifrigen Heimsportler von ihren Trainern per eingebauter Kamera eng in ihren Werten und ihrem sportlichen Einsatz überwacht. Im Bedarfsfall würde man durch den jeweiligen Lehrer angewiesen, korrigiert und zu besseren Leistungen angespornt werden.

Die Analogie zu George Orwells Roman ließ mir einen eiskalten Schauder über den Rücken laufen:

„Smith!“ schrie die giftige Stimme aus dem Televisor. „6079 Smith W.! Ja, Sie meine ich! Tiefer bücken, wenn ich bitten darf! Sie bringen mehr fertig, als was Sie da zeigen. Sie geben sich keine Mühe. Tie-fer, bitte. So ist es schon besser, Genosse. Rühren, der ganze Verein, und alle herschauen!“

George Orwell, 1984, S. 44

Die Zustände des Romans sind in vielerlei Weise bereits Teil unserer Gegenwart geworden. Ob wir dies wirklich realisieren oder nicht, so sind wir rundum überwacht. Dank iPhone, Alexa, Fitnesstracker & Co. lassen wir uns inzwischen fast lückenlos bis in die privatesten Bereiche unseres Lebens durchleuchten. Für eine Person wie mich, die schon früh digital präsent war und sich für die „Digitale Kirche“ durch Blog, Vlog und Twitter einsetzt, war dieser Nachmittag im Flatiron District New Yorks eine bittere Mahnung. Denn die Grenzen von Datenschutz und individuellem Recht verschwimmen schnell und können nicht nur für konsumorientierten Profit, sondern zur Lenkung und Manipulation von Personen, Gruppen und ganzen gesellschaftlichen Systemen genutzt werden. Ich werde kaum einen solchen Spiegel erwerben. Aber sind wir nicht schon längst alle im Netz der digitalen Manipulation und Kontrolle gefangen?

Spieglein, Spieglein an der Wand, vielleicht bist du ja der Gefährlichste im ganzen Land?

SOUPer Bowl 2020 – eine katholische Highschool lebt Nächstenliebe statt Konsum

Der Parkplatz quoll über vor, während geschäftige Autofahrer ihre Vehikel mal mehr, mal weniger gekonnt durch den dichten Einkaufsverkehr navigierten, um einen der wenigen freien Plätze zu ergattern. Geduldig pflügte ich mich mit meiner Tochter an diesem Samstagnachmittag Richtung Supermarkt und schüttelte etwas genervt und gleichzeitig fasziniert den Kopf. Warum nur hatte ich nicht früher daran gedacht? Heute war der Samstag vor dem Super Bowl LIV. Ausnahmezustand in USA. Selbstverständlich musste für alle amerikanischen Haushalte alles vorbereitet sein für das Mega-TV-Sport-Event. Die Getränke bereit gestellt, das Fingerfood in unmittelbarer Reichweite sein, damit keine Minute des Sportevents nebst spektakulärer Werbungeinlagen verpasst werden musste.

In diesem Jahr wird prognostiziert, dass $ 17,2 Milliarde für dieses Event ausgegeben werden. Dies bedeutet, dass pro Person $ 88,65 an Essen und Trinken sowie Waren und Party-Ausstattung. Dementsprechend dekoriert begrüßte uns der lokale Supermarkt mit allerlei verlockenden Konsumgütern: Kuchen und Cupcakes mit Superbowl-Dekorationen und Logos, allerlei Sonderangeboten für Cola, Bier, Chips und Co. während über der speziell ausgestalteten Auslage Ballons in Football-Form und glänzender Aufschrift schwebten.

Einen knappen Tag früher stand ich staunend in dem Lagerraum der katholischen Stepinac-Highschool, die nur 4 km entfernt vom Supermarkt lag. Mitten im Gedränge des Supermarktes wünschte ich mich mitten im Wochenende zurück an diesen schulischen Ort, der anstatt eines Konsumrausches warme Nächstenliebe ausstrahlte. Haltbare Lebensmittel hatten sich durch viele fleissige Hände in kürzester Zeit dort aufgestapelt, denn der sogenannte „SOUPer Bowl“ hatte die Schüler der katholischen Privatschule motiviert sich für die einzusetzen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten und aufgrund des Medien- und Konsumereignisses Super Bowl schnell vergessen wurden.

Der ursprünglich vorgesehene Raum war schnell zu klein geworden. Roxanne Calvello, die Direktorin des Campus Ministry, wurde schnell kreativ und fand neue Orte der Aufbewahrung: eine ehemalige Kappelle wurde zum Lagerort für die wichtigen Lebensmittel umfunktioniert bis sie Feeding Westchester übergeben werden konnten.

Von einem solchen glaubensgemäßen Handeln spricht Matthäus im 25. Kapitel: Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25, 37-40 LUT 17)

Über 22 000 Dosen nebst anderen haltbaren Lebensmitteln waren gesammelt worden – die Schule hatte ihr selbstgesetztes Ziel mit 10 000 übertroffen. Welch ein wunderbares Zeichen der Nächstenliebe, das inmitten dieses Sportereignisses der Superlative die nicht vergaß, die aufgrund ihres Lebens am Rande der Gesellschaft lebten und oft übersehen wurden.

Schnell ließ ich die Auslagen für den Super Bowl hinter mir und wendete mich meinem alltagsorientierten Einkauf zu während mich Dankbarkeit und Stolz für die tätige Nächstenliebe der Schüler das Herz erwärmte. Möge sie für uns eine Inspiration sein!

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Asche im Wind

Meine Katze räkelte sich gemächlich auf ihrem Lieblingsplatz vor dem Kamin. An kalten New Yorker Abenden tummelte sich unsere Familie nebst Haustieren gerne am offenen Feuer, da er der wärmste Ort im nicht isolierten Pfarrhaus war, und die Temperatur selbst bei angeschalteter Heizung kaum über 18 ºC stieg. Wenn das Holz im Kamin prasselte und das Feuer in einem kleinen Feuerwerksspektakel Ascheteile nach oben gen Himmel transportierte, hüllte uns die warme Gemütlichkeit mitten in der Kälte des Abends wohlig ein. Der orange Schein des Feuers tauchte das dunkle Wohnzimmer rund um den Kamin in einen angenehm wohligen Grundton.

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Doch dieser Abend war anders. Es war inzwischen ruhig im sonst geschäftigen Pfarrhaus geworden. Die fröhlichen und geschäftigen Kinderstimmen waren aufgrund des vorgerückten Abends der Stille der Nacht gewichen. Nachdenklich sah ich ins Feuer, während es an dem Holz züngelte und kleine helle und dunkle Aschepartikel mit dessen Wärme nach oben transportierte. Meine Hand hielt in der Bewegung inne als ich nach dem nächsten Scheit greifen wollte. „Siehst du die Asche am Kamin nach oben steigen?“, klangen die Worte meiner Tochter wie eine dröhnende Mahnung in meinen Ohren. Eine plötzliche innere Kälte rüttelte an mir trotz der Wärme, die die offene Feuerstelle von sich gab.

Seit einigen Monaten war unsere sechzehnjährige Tochter Teil eines Programms mit Holocaustüberlebenden von Selfhelp New York. Begleitet durch eine Psychologin und eine Theaterpädagogin erzählen Holocaustüberlebende von ihren Erfahrungen, die in diesem Frühjahr in einem Theaterstück aufgeführt werden. An diesem Donnerstagnachmittag hatte Daniel (Name geändert) von seinem Transport nach Auschwitz erzählt. Er, sein Vater und Bruder waren bei der „Aussortierung“ durch einen Soldaten von der restlichen Familie getrennt worden. Seine Mutter und Schwester Waren umgehend an diesem Albtraumort im Feuer von Auschwitz ermordet worden. Als ein Mitgefangener auf einen Wachsoldaten in Panik zuging und ihn nach den von ihm getrennten Familienmitgliedern fragte, lachte dieser laut und zeigte zum Himmel: „Da ist deine Familie! Siehst du die Asche am Kamin nach oben steigen? Sie sind die Asche, die im Wind zum Himmel steigt.“

Während ihres Marsches zur Registrierungseinheit fiel die Asche leise auf die überlebenden Gefangenen herunter. Als sie aufgefordert wurden, sich zu entkleiden und zu duschen, weigerte sich Daniel vehement. Es waren die letzten Spuren seiner Mutter und Schwester, die ihm noch geblieben waren.

Nachdenklich sah ich ins Feuer, das an diesem Abend für mich zu einer Erinnerung an den Höllenschlund von Auschwitz geworden war. Während das Feuer an den verbleibenden Holzscheiten riss und zerrte, und in seinem Hunger um weitere Beute für seine vernichtende Wut Ascheteilchen durch den Kamin gen Himmel sendete, sehnte ich mich nach der Dunkelheit jenseits dieses sonst so begehrten Lieblingsplatzes im Pfarrhaus. Anstatt noch ein Holzscheit nachzulegen, schloss ich die Glastür zum Kamin und ging nachdenklich in das Dunkel der Nacht.

20/20 – von Sehvermögen und Gottvertrauen

„This is 20/20!“ Seit fast sechs Jahren schalte ich ab und an den Fernseher an einem stillen Freitagabend ein. Zumeist ist es während der Ausstrahlung der TV-Dokumentation „20/20“ des Senders ABC. Die Geschichten, die in scharfer Auflösung über  die Oberfläche unseres Fernsehers gleiten, beginnen oftmals beunruhigend alltäglich und entwickeln sich in wahre Albträume. Die betroffenen Personen geraten in diese nicht selten lebensbedrohlichen Situationen dadurch, dass sie nicht genau hinsehen.

Der Ausdruck „20/20“ beschreibt im amerikanischen Sprachgebrauch das optimale Sehvermögen. Entgegen dieser Alltagssprache beschreibt der medizinische Terminus 20/20 ein durchschnittliches Sehvermögen – diese Personen benötigen keine Brillen, Kontaktlinsen oder Korrekturen, um ohne Einschränkungen sehen zu können. Wird 2020 ein Jahr sein, indem wir „scharf“ sehen und umsichtig für uns und andere handeln? Indem wir keine Korrekturen oder andere Sehhilfen benötigen? Mit dem Ende des alten Jahres wird kaum eine Änderung unserer menschlichen Disposition zu erwarten sein. Angesichts der Angriffe auf Glaubensgemeinschaften in New York und Texas, der Abweisung und des Ertrinken von Flüchtlingen, der Übergriffe im Großen und Kleinen des ganz normalen Lebensalltages, wird dies wohl kaum zu erwarten.

Manchmal könnte man dann von seinem Glauben abfallen! Allein der Anstieg der antisemitischen Übergriffe im Staat New York und all die dadurch betroffenen jüdischen Glaubensgeschwister, mit denen ich privat und dienstlich eng verbunden bin, lassen mich stark daran zweifeln, dass alle Menschen in absehbarer Zukunft friedlich zusammen leben werden. Die Jahreslosung von 2020 aber belehrt mich in all diesen Zweifeln, dass ich einer Hilfe bedarf, die weit über mein eigenes Vermögen hinaus geht: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)

Wenn mich diese Zweifel in die Tiefen ziehen, dann bin es nämlich ich, die aufgrund der Geschehnisse um mich herum, nicht mehr „scharf“ sehen kann. Nur der verzweifelte Ruf „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“, der einst dem Vater eines kranken Kindes entfuhr als er sich in seiner Verzweiflung an Jesus wandte, kann mich in einer solchen Situation retten und meinen Blick schärfen.

Möge Gott uns Angesicht der Turbulenzen, Geschehnissen und schweren Situationen, die das neue Jahr mit sich bringen wird, das Vermögen schenken, uns immer wieder vertrauensvoll Gott zuzuwenden, damit unser Blick durch Ihn wieder hoffnungsvoll klar und offen für Seine Pläne wird.

Nun hoffnungsvoll den Blick geschärft! Welcome to 2020!

Ich wünsche euch mit dem Offiziellen Video „Welcome to 2020“ von ABC Gottes reichen Segen für das neue Jahr.