Umzug

Liebe Leserinnen und Leser,

seit sechs Jahren gestalte ich diesen Blog, um euch mit auf mein Abenteuer im Auslandspfarramt nach New York, USA zu nehmen. Ich habe über die Höhen und Tiefen meiner Entsendung berichtet. Gleichzeitig habe ich begonnen, einen englischsprachigen Blog anzubieten.

Nun ist es an der Zeit, beide Blogseiten zu bündeln. Ab sofort könnt ihr alle meine neuen Einträge dort finden. Ich würde mich freuen, wenn ihr mich weiterhin begleiten und die Seite www.miriamgross.blog abonnieren würdet.

Herzliche Grüße aus New York

Eure Miriam Groß

Von pastoralem Dauermarathon und ungeahnten Herausforderungen

Dampfend stand ein volles, großes Glas Latte Macchiato vor mir. Ich seufzte erleichtert während ich die Samstagsausgabe der New York Times aufschlug. Es war der erste Samstagmorgen seit dreieinhalb Monaten, an dem ich mich in Ruhe den Nachrichten zuwenden konnte ohne selbst inmitten all der Geschehnisse zu sein.

Die letzten Monate waren ein reiner Sturm, der mich in meiner Tätigkeit als Auslandspfarrerin in der Metropolregion New Yorks erfasst hatte. Wahrscheinlich werde ich diese intensive Zeit nie vergessen – noch traue ich der zaghaft einsetzenden Entspannung nicht. Nachdem mich unvorhergesehen mit COVID-19 der erste dienstliche Tsunami erfasst hatte und ich kurze Zeit wieder Boden unter den Füßen gespürt hatte, war ich aufgrund meines Engagements für Frieden und Gerechtigkeit, aber auch meiner Seelsorge bei der örtlichen Polizei von einer zweiten Flutwelle erfasst worden. Heute ist der erste Tag, an dem ich wieder so etwas wie einen Untergrund unter mein Füßen erahnen kann.

Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Röm 5,3

Ich will die letzten dreieinhalb Monate kurz Revue passieren lassen:

Ab 9. März befand sich New York nach Wochen der Sorge um die verbreitende Pandemie plötzlich in einem Ausnahmezustand. Die Zahl der an COVID-19 Erkrankten und Toten war so rapide gestiegen, dass in dem US-Bundesstaat Ausgangssperre verhängt werden musste. Da ich bereits seit Herbst 2019 digitalen Konfirmandenunterricht anbot, fiel mir eine weitere Umstrukturierung nicht schwer. Mein Wissen konnte ich dank Christian Sterzik, dem Leiter der Stabstelle Digitalisierung, an interessierte Pfarrerinnen und Pfarrer der EKD und anderer verbundender Kircheninstitutionen weitergeben. Aus dieser Idee wurde schließlich das Angebot von regelmäßigen digitalen Kursen der EKD geboren. Dort stellte ich unter anderem eine digitale Agapefeier vor, die wir in NY aufgrund der örtlichen Trennung für unsere Gemeindeglieder anboten.

Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.

1 These 5,21-22

Während die Pandemie New York in das Epizentrum des Ausbruches verwandelte, musste ich mir als Pfarrerin und Hirtin einer weitverstreuten Gemeinde überlegen, wie wir ohne unser Kirchengebäude unsere Gemeinschaft leben konnten: Neben YouTube-Gottesdiensten erlebten wir die Gemeinschaft miteinander unter Gottes Wort durch zwei wöchentliche Abendandachten via Zoom. Hinzu kamen viele Telefonate und Zoom-Seelsorge-Treffen.

Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.

Heb 10,24

Eine besondere seelsorgerlische Herausforderung stellten Sterbefälle und Trauerfeiern da. Nicht selten musste ich Angehörigen mitteilen, dass ein Zutritt des Sterbebettes aufgrund der Pandemie versagt worden war und man auf digitale Möglichkeiten zurückgreifen musste. Für mich eine äußerst bittere Erfahrung. Auch die Gestaltung digitaler Trauerfeiern war eine nie zuvor dagewesene Hürde für mich, denn hier hieß es die fehlende physische Präsenz durch besonders eine genau vorbereitetes, technisch versiertes und aufmerksam durchgeführte digitales Angebot zu ersetzen.

Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht.

Mt 25,36

Die Pandemie brachte nicht nur gesundheitliche Auswirkungen mit sich, sondern bittere Konsequenzen im US-amerikanischen System des reinen Kapitalismus. Bis dato sind Millionen von Menschen arbeitslos. Dabei traf es vor allem die am Rande der Gesellschaft Stehenden, wie illegale Immigranten und Minoritäten besonders hart. Daher verstärkte ich mein Engagement in der Tafelarbeit. Zwei Mal in der Woche helfe ich daher bei einer jüdischen Tafel mit, um den Ärmsten der Armen zu helfen.

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.

Mt 25,35

In den letzten Monaten war spürbar ein Verständnis für die Notwendigkeit harter Maßnahmen gewachsen. In New York rückte man zusammen, denn New Yorker kennen schwere Zeiten durch Traumata wie 9/11. Doch während die Erkrankungs- und Sterberate abfiel, erfasste das ganze Land ein altbekanntes und umso schmerzhafteres Traumata: der systemische Rassismus wurde in schmerzhafter Weise durch die Ermordung George Floyds deutlich sichtbar. Ganze Städte wurden von einem heiligen Zorn erfüllt. Einem Ringen um ein gesellschaftliches System mit der gerechten Teilhabe aller. Als Pfarrerin, die tief verwurzelt in der Public Theology ist und mich seit langem gegen Rassismus und Antisemitismus einsetze, war ich daher mitten drin. Ich demonstrierte mit und fügte meine eigene solidarische Stimme zum Sehnen um Gerechtigkeit in den vielstimmigen Chor hinzu.

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos 5,24

Doch gleichzeitig war ich auch bei denen, die ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit geraten waren: bei den Polizistinnen und Polizisten der NYPD. Im Rahmen des Neighborhood Community Policing, das als Reaktion auf das „Stop-and-Frisk“ unter Bloomberg eingeführt wurde, war ich Seelsorgerin (Clergy Liaison) für eine örtliche Polizeistation. Durch dieses Programm waren Brücken zwischen der örtlichen Bevölkerung und den jeweiligen Polizeistationen gefördert worden. Nachdem unsere Kirche viele Jahre durch die NYPD unterstützt worden war – da denke ich z.B. an einem Feueralarm in unserem Kirchengebäude – war es nun Zeit, für sie als Vertrauensperson da zu sein. Ein wahres dienstliches Minenfeld eröffnete sich in rasender Schnelligkeit als die Medien von meiner Rolle erfuhren. Eine Reihe von Personen verstanden meine ausdifferenzierte Sichtweise nicht und überschütteten mich mit Vorwürfen, die ich vorher kaum für möglich gehalten hatte.

Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.

Gal 6,9

Ich betrachtete das leere Glas Latte Macchiato mit Dankbarkeit und etwas Wehmut. Ohne die Unterstützung meines Mannes und meiner Familie, hätte ich dies nie schultern können. Damit ich meinen Dienst versehen konnte, haben sie alles andere hintenan gestellt und so meine Arbeit als Pfarrerin in dieser Krisenzeit ermöglicht.

Was würden die nächsten Wochen bringen? Schon einmal hatte ich nach der zaghaften Besserung der Pandemie gedacht, dass wir das Schlimmste überstanden hatten. Doch während das zweite Traumata rund um das Ringen um ein gerechteres gesellschaftliches System langsamen Reformen Platz macht, bin ich immer noch von Skepsis und Vorsicht ergriffen. Wir werden sehen… Aber eins weiß ich gewiss: Diese Phase meines Auslandspfarramtes in New York werde ich nie vergessen. Während ich diese Zeilen schreibe, haben sich Erfahrungen tief in mein Herz eingebrannt und formen mich in unwiederbringlicher Art und Weise zu einem neuen Dasein als Pfarrerin.

In so mancher Nacht, die ich schlaflos durchwachte, und durch manchen Tag, dessen Ereignisdichte mir fast dem Atem raubte, hat mich der Glaube getragen. Denn Christus spricht:

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Joh 14,1

Juneteenth – von Sklaverei, Rassismus und eigenen Anteilen

Eine junge Frau stemmt ein weißes Plakat gen Himmel während sie in den Chor von abertausend anderen Menschen einstimmt. In blutroter Schrift hat sie ein Faktum sichtbar werden lassen, dass die Wirtschaftsmacht seit dessen Gründung zutiefst prägt: „MAKE AMERIKKKA NOT RACIST FOR THE FIRST TIME“.

Eine Forderung, die an „Juneteenth“ (19. Juni) , dem 155. Jahrestag der Befreiung afro-amerikanischer Personen von der Sklaverei immer noch nicht eingelöst ist, denn das Land ist in allen seinen Teilen durchzogen von einem systemischen Rassismus. Personen mit dunkler oder brauner Hautfarbe leben oftmals in schlechteren Wohngebieten, besuchen weniger gute Schulen. Aufgrund der schlechten Schulbildung erreichen viele nur geringe Schulabschlüsse und sind gezwungen einfache Berufe zu versehen. In USA wie in wenigen anderen Industrieländern ist Arbeit oftmals verbunden mit Gesundheitsvorsorge – wer keine Arbeit hat, ist im Krankheitsfall unter oder sogar gar nicht versorgt. Da die gegenwärtige Regierung viele Errungenschaften des sog. „Obama-Care“ nihiliert hat, ist diese Bevölkerungsgruppe durch die Pandemie überdurchschnittlich stärker betroffen.

Ein baptistischer Kollege kämpft seit fünf Jahren in Flint, Michigan, gegen den sogenannten „Öko-Rassismus“: Wohngebiete mit zumeist einem hohen Anteil an Afro-Amerikanern, Latinos und anderen Minderheiten erhalten nicht die gleiche Wohnqualität, die anderen Stadtteilen und Landstrichen zukommen. Ein Grundrecht auf sauberes, unverseuchtes Wasser oder einem Boden, der nicht von der Ablagerung von Müll kontaminiert ist, wird an diesen Orten von den Behörden und Verwaltungen ignoriert.

Jegliche Form von Rassismus und der Ausgrenzung anderer aufgrund deren Hautfarbe, Herkunft oder ihres sozialen Status widerspricht der von Gott geschenkten Gottebenbildlichkeit. Von Geburt hat ist jeder Mensch im Angesicht Gottes erschaffen und allen sollten die gleichen Rechte und die gleiche Würde zugesprochen werden.

Die Menschheitsgeschichte ist durchzogen von einer Verletzung der Gottebenbildlichkeit.

Das Volk Israel wurde in die Sklaverei gezwungen und konnte nur durch Mose als die von Gott geschickte Führungsperson aus dieser tödlichen Situation befreit werden. Immer wieder erinnern daher jüdische Glaubensgemeinschaften an diese Unterdrückungserfahrung und Befreiung. Viele jüdische Organisationen, wie z.B. AJC (American Jewish Committee) setzen sich daher für andere unterdrückte Personengruppen und deren Rechte ein.

Blicken wir in das Neue Testament, so befanden sich zu deren Zeit eine signifikante Zahl an Personen in der Sklaverei und vollführten die unterschiedlichsten Tätigkeiten für ihre Besitzer: von einfachen Aufgaben wie dem Türhüten (vgl. Mk 13,34) bis zu verantwortungsvollen Pflichten, z.B. als Verwalter von großen Besitztümern (vgl. Mt 18,23-35; Lk 12,41-46). Während vor allem in den paulinischen Briefen immer wieder die Freiheit durch Christus betont wird, sind die Aussagen und Positionierung des Völkerapostels hinsichtlich der Sklaverei nicht eindeutig.

Die Verbindung von Christentum und Sklaverei war besonders in den USA folgenschwer. Um das neue Land zu bewirtschaften, waren die damaligen Grundbesitzer auf Sklaven angewiesen, die die schwere Arbeit verrichten konnten. Nachdem Jean Bodins „Klima Theorie“, die besagte, dass die afrikanische Sonne Menschen in unzivilisierte Wesen verwandeln würde, widerlegt worden war, fand der englische Reiseschriftsteller George Best eine folgenschwere Alternative: im Buch Genesis habe Noah seine hellhäutigen und engelsgleichen Söhne gebeten von jedem sexuellen Kontakt fern zu bleiben. Sein Sohn Ham jedoch habe dem nicht gehorcht. Gott habe ihn daher mit dunkelhäutigen Nachfahren gestraft, damit man diesen Ungehorsam für immer sehen möge. ( Ibram X. Kendi, Stamped from the beginning, Seite 32f.)

Die sogenannte „Verfluchungstheorie“ wurde in rasender Geschwindigkeit aufgenommen und verband in schlimmer und menschenverachtender Weise Christentum mit der Rechtfertigung der Sklaverei.

Am 155. Jahrestag der Befreiung von der Sklaverei ringt die USA noch immer mit dieser ursprünglichen Sünde gegen die Menschheit. Viel wurde durch mutige Menschen wie Sojourner Truth, Harriet Tubman, Martin Luther King Jr. und so viel mehr erreicht. Doch so viel mehr muss noch geschehen bevor dieser systemisch verankerte Rassismus endlich einer gerechteren Welt weichen kann.

Sklaverei und Rassismus ist nicht nur ein Thema der USA, sondern der ganzen Weltgemeinschaft. Die Fotografin Lisa Kristine versucht hierauf seit Jahrzehnten aufmerksam zu machen. Ihre Bilder sollten uns aufrütteln, denn viele unserer Alltagshandlungen entscheiden darüber, ob eine andere Person ein gerechtes und würdiges Leben führen kann. Beim Kauf von so manchem Kleidungsschnäppchen fällen wir das Urteil über Menschen, die in menschenverachtenden Kleidungsfabriken wie Sklaven für einen Hungerlohn arbeiten müssen. Beim Kauf von billigem Marmor für unsere Küchen oder Grabsteine aus Entwicklungsländern entreißen wir Kinder den Armen ihrer Eltern und geben sie der wirtschaftlichen Ausbeutung preis.

Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, so beginnt Rassismus, Sklaverei und Ausgrenzung direkt bei uns mit jeder noch so großen oder kleinen Entscheidung, die wir treffen. Mögen wir uns dessen bewusst sein und bei jeder Handlung vor Augen führen, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen, daher dieselbe Würdigkeit und Wert von Anfang an geschenkt ist. Dann wird nicht nur die USA endlich von Rassismus befreit, sondern die Welt von der immer noch vorhandenen Realität der Versklavung und Ausbeutung anderer.

Von Worten und Symbolen als gefährliche Vehikel des Rassismus

Mit etwas Erstaunen und Stirnrunzeln sah ich auf einen Tweet, indem ich erwähnt wurde. Er wies auf die Entscheidung der schweizerischen Supermarktkette „Migros“ hin, Schokoküsse einer Firma aus dem Sortiment genommen zu haben. Sie stammten von der Aargauer Firma Dubler, die sich weigerte, die Bezeichnung als „Mohrenköpfe“ zu ändern. Da mein Twittername verwechselnd ähnlich mit der schweizerischen Supermarktkette ist, wurde ich versehentlich erwähnt. Nachdem das Verwundern über diesen Zufall gewichen war, war ich sehr dankbar, auf diese wichtige Entscheidung hingewiesen worden zu sein.

Aus meiner Sicht ist der von Migros vorgenommene Schritt, das Produkt aus dem Sortiment zu nehmen, der einzig richtige nachdem der Zulieferer seinen Produktnamen nicht ändern wollte.

Es lohnt sich, diese Entscheidung näher zu beleuchten. Ethische und moralische Standards werden von einer Gesellschaft durch Sprache und Bilder transportiert. Symbole können als ein sehr effektives Mittel für diese Standards verwendet werden, da sie tiefer reichen als ein gesprochenes Wort. Nach den Erkenntnissen der Psychologie formen Menschen ihre ersten Gedanken durch Bilder, bevor sie sich artikulieren können.

Emilie M. Townes, die gegenwärtig Rektorin und Professorin des E. Rhodes and Leona B. Carpenter of Womanist Ethics and Society an der Vanderbilt University Divinity School ist, hat in ihren Forschungen den Zusammenhang von Begriffen, Symbolik und Rassismus näher beleuchtet. Hierbei hebt sie die Schaffung und kulturelle Reproduktion strukturellen Übels hervor. Sie bezeichnet dies als „fantastic hegemonic imagination“ – systemische Konstruktionen verkürzter Erzählungen auf einer symbolischen Ebene, die strukturelle Ungleichheiten und Formen sozialer Unterdrückung unterstützen und aufrechterhalten. Townes betont, dass eine Leidenschaft für Gerechtigkeit nicht ausreiche, sondern dass wir uns eines Systems bewusst werden müssen, an dem wir alle teilnehmen und das wir daher in uns von Kindesbeinen aufnehmen.

Während dies in Amerika durch Figuren wie Jim Crow, Aunt Jemima oder Topsy Turvy Dolls geschah, so kann man diese „fantastische hegemoniale Vorstellungskraft“ („fantastic hegemonic imaginations“) in anderen Figuren und Bezeichnungen wiederfinden:

Kinderspiele wie „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“, indem Kinder durch ein vergnügliches Spiel Angst vor einer Person anderen Aussehens gelehrt wird. Brettspiele „Jude raus“ zeigen, wie diese katastrophalen Werte in Form eines einfachen Brettspiels während der NS-Diktatur in deutsche Wohnzimmer gebracht wurden. Wenn Rassismus oder Antisemitismus in Gestalt eines Spiels transportiert werden, ist dies umso gefährlicher.

Der „Negerkuss“ oder „Mohrenkopf“ ist aus meiner Sicht ebenso als ein Instrument der „fantastischen hegemonialen Vorstellungskraft“ einzuschätzen, der seine tiefen Wurzeln im längst vergangenen Kolonialismus und den Schmerzen des Rassismus haben.

Wenn wir den „Mohrenkopf“ oder Sarottimohr betrachten, so schöpft dieser seine Vorstellungen aus rassistischen Ideen und zieht eine Linie zur Kolonialisierung und Versklavung tausender Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe als minderwertig bezeichnet und als Besitz behandelt wurden.

Auch wenn es manchen schwer fallen mag, aufgrund der Verknüpfung von lieb gewonnenen Erinnerungen auf Bezeichnungen wie dem „Mohrenkopf“ zu verzichten, ist es der einzig richtige Weg um Rassismus und Antisemitismus in dieser gefährlichen symbolischen Ebene zu verlassen, die sich in Denkkonzepte so scheinbar süß und niedlich „einnisten“.

Es ist mein tiefer Wunsch, dass Generationen von Kindern eben nicht mit der Angst im Nacken durch Spiele wie „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ oder der angeblichen Überlegenheit durch eine dienende Symbolik wie die des „Mohren“ aufwachsen.

Migros hat hierbei den richtigen Schritt vorgenommen und ich hoffe sehr, dass weitere folgen.

Rassismus und Antisemitismus – von gefährlichen ideologischen Zwillingen und der Verantwortung aller

Tausende von Menschen gingen in New York gestern nach der Trauerfeier von George Floyd auf die Straßen. Der Strom unzähliger Menschen floß über die Brooklyn Bridge und ergoß sich über den Vorplatz der Gerichts- und Verwaltungsgebäude in Lower Manhattan. Ich erinnere mich gut an die letzte Demonstration im Januar, an der ich gemeinsam mit meiner Familie und Gemeindegliedern teilnahm, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. New York war von einer schockierenden Vielzahl von antisemitischen Übergriffen überzogen worden. Daher setzten wir als bunte, vielfältige Gemeinschaft über Religionsgrenzen, Hautfarben und Herkunft ein Zeichen gegen diese gefährliche Häresie.

Eine andere Häresie, namentlich Rassismus, lässt die altbekannte Angst um unsere Nächsten nicht nur aufgeflammen, sondern hat viele Städte entbrannt. Viele engagieren sich daher für einen gerechten Kampf gegen Rassismus. Nicht umsonst hat ein Gemeindeglied hierzu gesagt: „Ich wünsche mir, dass der Tod von George Floyd nicht umsonst war. Es ist genug! Wir sind es leid und daher setzen wir Zeichen gegen Rassismus.“ Meine gegenwärtige Kirchengemeinde in New York ist tief verwurzelt im Doppelgebot der Liebe und engagiert sich daher als deutschsprachige Gemeinde besonders gegen Antisemitismus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde in ihrem Interview bei der ARD-Sendung „Farbe bekennen“ vom 4. Juni aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen um eine kurze Stellungnahme gebeten. Sie wies darauf hin, dass auch in Deutschland Rassismus ein großes Thema sei und dagegen agiert werden würde.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass wir uns aufgrund der engen geschichtlichen und wirtschaftlichen Verbindung beider Länder über die grundlegende und beunruhigende Nähe von Rassismus und Antisemitismus bewusst werden.

Beide sind gefährliche Häresien, die zutiefst der christlichen Botschaft widersprechen. Sie sind ideologische Zwillinge, die nicht nur Haß verbreiten, sondern Leben kosten.

Beverly Mitchell prägte den Begriff der „Zwillinge des Hasses“ (Engl.: „Twins of Hate“) für Rassismus und Antisemitismus. Diese tödlichen Häresien haben ihre Wurzeln in der grundlegenden Ideologie, bestimmte Gruppen unter Verwendung von Ausschlussgesetzen, wirtschaftlicher Ausbeutung, Sklaverei, Mord und anderen Formen der Ungerechtigkeit auszuschließen und niederzudrücken.

Eduardo Bonilla-Silva nimmt eine vor allem auf die Gesamtgesellschaft fokussierte Haltung ein: Er hebt hervor, dass Rassismus eine idealistische Philosophie ist, die sich in Ideen manifestiert, die ihre gesellschaftliche Ausprägung im konkreten Handeln hat. Bonilla-Silva sieht Rassismus daher als eine Folge von Ideen oder Überzeugungen, durch die Führungspersönlichkeiten konkrete Einstellungen gegenüber einer Gruppe von Menschen entwickeln, diese an Einzelpersonen kommuniziert und so zu echten Handlungen werden lässt, wie dies in der Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe oder der Religion geschehen ist und weiterhin geschieht.

Rassismus und Antisemitismus sind ideologische Zwillinge, die ihre Wurzeln tief in einer nährenden Grundlage haben: Im Haß gegen andere, in der Ausgrenzung, Ausbeutung und sogar Tötung wie im Falle George Floyds und zahlreichen anderen. Sie sind Häresien, die die von Gott geschenkte Gottebenbildlichkeit verletzen und mit dem uns von Jesus gebotenen Doppelgebot der Liebe brechen.

Mögen wir mutig gegen diese Häresien aufstehen, Farbe bekennen und vorgehen! Eine besondere Verantwortung tragen, wie Bonilla-Silva hervorhebt, vor allem gesellschaftliche Führungspersonen. Nach meiner Meinung müssen daher diesseits und jenseits des Atlantiks deutliche Zeichen gesetzt werden.

Aber auch wir als einzelne müssen uns unserer eigenen Verantwortlichkeit bewusst sein. Niemand geringeres als Desmond Tutu weiß um die Wichtigkeit jedes Einzelnen und dessen Handlung, die Gottes Gerechtigkeit in dieser Welt Raum verschaffen kann. Mögen seine Worte Mahnung und Ansporn zugleich sein, damit wir uns gegen Antisemitismus und Rassismus aufbäumen und den Bogen des moralischen Universums in Richtung Gerechtigkeit beugen:

„Lass dich von niemandem davon überzeugen, dass du nicht wichtig genug, groß genug oder klug genug bis, um etwas zu bewirken. Du bist mehr als genug. Nimm den Bogen und biege ihn in Richtung Gerechtigkeit.“

(Übersetzung: Miriam Groß; in: Archbishop Desmond Tutu , foreword to: Lisa Kristine, Peggy Callahan, Slavery (Washington, D.C.: Free the Slaves, 2010).
(Original: „Don´t let anybody convince you that you are not important enough, big enough or smart enough to make a difference. You are more than enough. Grab the arc and bend it toward justice.“)

Im Angesicht Gottes erschaffen – Gedanken einer Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin

Mein Finger rollte unter sanften Druck über ein bis dahin weißes Blatt. Finger um Finger hinterließen kleine, haargenaue Muster auf dem Papier, die kein Detail meines Fingerabdruckes ausließen. Kleine Schleifen, mal gewölbt, mal flach, runde und ovale Wirbel, sowie Linien, die scheinbar ins Nichts des Blattes liefen, säumten schon bald mein Registierungsformular für die Polizeiseelsorge.

Es war der offizielle Schritt eines längeren näheren Kennenlernens. Nachdem ich die örtliche Polizeistation der NYPD geraume Zeit begleitet hatte, war Vertrauen und Nähe zwischen dieser Institution und mir als Pfarrerin in Chelsea, New York City gewachsen. Nun war ich offiziell Verbindungsperson und Polizeiseelsorgerin im Rahmen des Neighborhood Community Policing geworden, das in 2015 am Big Apple eingeführt wurde, um das Vertrauen und die Verbindung zwischen örtlichen Institutionen, Anwohnern und Gemeinschaften zu stärken. Dies war aufgrund der langen und spannungsreichen Geschichte des New York Police Departments notwendig geworden. Die NYPD war in den vergangenen Jahrzehnten oftmals zu einem Machtinstrument politischer Entscheidungen gemacht worden. In schmerzhafter Erinnerung ist z. B. das „Stop-and-Frisk“-Programm, das unter dem damaligen Bürgermeister Bloomberg zw. 2002 und 2013 in New York City Polizisten das Recht gab auf Verdacht hin Passanten zu durchsuchen und gegebenenfalls festzunehmen. Als Statistiken über die betroffenen Bevölkerungsgruppen veröffentlicht wurden, wurde bekannt, dass überproportional Afro-Amerikaner und Latinos von diesem Vorgehen betroffen waren. Es folgten zahlreiche Proteste, die ein Ausdruck der tiefen Teilung dieser Stadt und des Landes waren: in Reiche und Arme, Farbige, Latinos und sog. „Weiße“. Klassismus (Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position) und Rassismus wurden hierbei entblößt.

Die NYPD geht daher wie keine mir weitere bekannte Institution offen und konstruktiv mit dieser gebrochenen Vergangenheit um und versucht durch das Neighborhood-Community-Policing neue Wege zu gehen. Aus erster Hand weiß ich von Antirassismus-Training und Quoten, die dafür sorgen dass Minoritäten sowie Frauen adäquat durch Polizistinnen und Polizisten repräsentiert werden.

Seit der Ermordung von George Floyd in Minneapolis, Minnesota, liegen die Spannungen um Polizeigewalt wieder bloß. Ein Mann, der aufgrund eines angeblich falschen 20-Dollar-Scheines durch die Tat eines Polizisten grundlos zu Tode kam, löst eine unbändige Trauer und Wut über ein zutiefst ungerechtes System aus, das in sich selbst mit seinen eigenen grundlegenden Problemen an vielen Stellen nicht konstruktiv umgegangen ist.

Das Neighborhood-Community-Policing stellt hierbei eine große Ausnahme da. In den letzten Jahren durfte ich Polizistinnen und Polizisten in ihrem schweren Job begleiten. Ich weiß von deren Druck, den diskriminierenden Übergriffen, die so mancher Cop aushalten muss. Von Menschen, die sie mit verbalen Ausdrücken überhäufen, sie ins Gesicht schreien und auch physisch bedrängen. Dies heißt nicht, dass ich Polizeigewalt verleugnen will, aber auch eine andere Seite sollte bei all dem Leid bedacht und betrachtet werden. Es sind Menschen wie Sie und ich. Mit Familien, Freunden und viel eigener Lebensgeschichte.

Und dennoch legen die vielen Morde die Brutalität des Systems offen. Mike Brown. Trayvon Martin. Sandra Bland. Philando Castile. Tamir Rice. Jordan Davis. Atatiana Jefferson. The Charleston Nine. Breonna Taylor. Ahmad Arbery. George Floyd.

Viele Orte in den USA stehen unter Flammen. Dies ist wenig verwunderlich und umso bitterer, denn das Jahr 2020 vereint in sich mehrere Traumata, die fast gleichzeitig zu Tage treten: Es scheint als ob das Impeachment von 1998, die Pandemie von 1918, sowie die Wirtschaftskrise von 1929 gemeinsam mit den Unruhen von 1968 in einem einzigen Jahr wie in einem Brennglas zur Explosion durch Demonstrationen und Plünderungen kämen. Prof. Anthony Hunt, mit dem ich in 2018 eine Studienreise zu den Orten der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung machen durfte, erklärt diese Entwicklungen nicht nur als Theologe, sondern aus langer pastoraler Erfahrung: „Looting is essentially an act rooted in anger/rage at persistently feeling unheard and forgotten, and economic deprivation and desperation in being underserved (being poor) by society.“ (D: „Plünderungen sind im Wesentlichen eine Handlung, die auf Wut / Zorn beruht, sich ständig als ungehört und vergessen zu fühlen, und auf wirtschaftlicher Entbehrung und Verzweiflung fusst, von der Gesellschaft unterversorgt (arm) zu sein.“)

Brutalität kann nie entschuldigt werden. Sie ist und bleibt ein verletzender und menschenverachtender Tatbestand. Nicht umsonst ist uns als Christinnen und Christen das 5. Gebot aufgegeben. Gewalt erzeugt Gegengewalt und eröffnet einen wahren Teufelszyklus. Daher hat Martin Luther King Jr. zu einem gewaltlosen Widerstand aufgerufen, der diesen durchbricht. Grundlegend war für ihn daher das Konzept der Gottebenbildlichkeit, das durch Rassismus, Klassismus und Antisemitismus verletzt und gebrochen wurde. Jeder Mensch sei im Angesicht Gottes erschaffen und habe einen von Gott gegebenen Wert vom ersten Atemzug an. Martin Luther King Jr. setzte daher Zeichen gegen diese lebensbedrohenden Handlungen und Philosophien und stärkte Menschenwürde, Menschenrechte und die „Beloved Community“ (D: „Geliebte Gemeinschaft“), die sich für diese Werte einsetzte.

Gegenwärtig kann ich nicht beurteilen, welche weiteren Entwicklungen es in den USA geben wird. Ich kann nicht verschweigen, dass mir Angst und Bang ist, denn Gewalt und Gegengewalt sind keine Lösung, aber oftmals eine ganz natürliche Reaktion auf Leid, Entbehrung und erlittene Brutalität. Ich hoffe und bete, dass die Augen vor allem von Personen in entscheidungsführenden und machtvollen Positionen endlich nach einem langen und schmerzhaften Ringen geöffnet werden. Sie müssen verstehen, dass alle Menschen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Nationalität oder wirtschaftlichem Status, im Angesicht Gottes erschaffen sind. Allen müssen die gleichen Rechte und Pflichten zugesprochen werden.

Die gegenwärtige Krise in den USA ist aus meiner Sicht eine zutiefst theologische Krise. Die Annahme der Gottebenbildlichkeit aber trägt mit sich, dass wir auf die zugehen, die in einem gesellschaftlichen System benachteiligt, übersehen und vergessen werden. Auf die, die keine Stimme haben. Auf die, die übersehen oder ausgebeutet werden aufgrund ihres gesellschaftlichen und sozialen Standes. Nur wenn ihnen zugehört, eine Stimme gegeben und ihnen nachhaltige Perspektiven geschenkt werden, dann wird dieses Land zur Ruhe kommen und seinen eigenen Idealen gerecht.

Mit der Osterkrippe die Kar- und Osterzeit erleben

Viele haben mich gefragt, wie wir die Kar- und Osterwoche in dieser turbulenten Zeit begehen. Gerade in der gegenwärtigen Situation braucht es liebgewonnene Rituale, die zu uns sprechen und die tief in unserer Erinnerung verankert sind.

Solch ein Ritual ist unsere Osterkrippe, die sich in der Kar- und Osterwoche vielfach verändert und uns die Geschichte von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi vor Augen führt. Ich wünsche euch viel Freude beim Betrachten der Bilder und Videos und grüße herzlich aus New York.

Palmsonntag

Video mit Osterkrippe und Bibeltext:

Joh 12,12-19:
Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Gründonnerstag: Garten Gethsemane

Video mit Bibeltext:

Mk 14,43-52:

Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten. Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab. Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn. Die aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. Einer aber von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab.
Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich gefangen zu nehmen? Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden. Da verließen ihn alle und flohen.
Und ein junger Mann folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt.

Karfreitag

Video mit Bibeltext:

Mk 15, 20-41

Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten. Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage. Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte. Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.
Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum, wer was bekommen sollte. Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. Und es stand geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden. Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.
Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz! Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Der Christus, der König von Israel, er steige nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.
Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!
Aber Jesus schrie laut und verschied.
Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria Magdalena und Maria, die Mutter Jakobus des Kleinen und des Joses, und Salome, die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.

Karsamstag

Video mit Bibeltext:

 

Mk 15, 42-47

Und als es schon Abend wurde und weil Rüsttag war, das ist der Tag vor dem Sabbat, kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete; der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot war, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon länger gestorben wäre. Und als er’s erkundet hatte von dem Hauptmann, überließ er Josef den Leichnam. Und der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab vom Kreuz und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen, und wälzte einen Stein vor des Grabes Tür. Aber Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Joses, sahen, wo er hingelegt war.

Ostersonntag

Video mit Bibeltext:

Mk 16, 1-10

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.
Erscheinungen des Auferstandenen und Himmelfahrt
[Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.

Für Hungernde sorgen – Corona und seine Auswirkungen in New York

Es herrschte konzentrierte Stille in der Sporthalle der jüdischen Gemeinde. Ich überprüfte nochmals ganz genau die Anzahl der Essenstüten, die ich vorbereitet hatte. Dann wendete ich mich einem Stapel mit Dosen, getrockneten Früchten, Reis, Nudeln und frischen Äpfeln zu. Sie alle erhielten einen Platz in den braunen Papiertüten, die schon bald an diejenigen ausgegeben werden würden, die in dieser Pandemie schnell aus dem Blick kommen.

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Mit mehreren Freiwilligen arbeite ich als Pfarrerin bei einer jüdischen Tafel mit, die eine Freundin betreibt. Die kleine Gruppe von Freiwilligen kämpft mit dem wachsenden Bedarf an Essensspenden, die an die Ärmsten der Armen ausgegeben wird. 940 000 illegale Immigranten leben laut des Migrations-Strategie-Amtes („Migration Policy Institute“) in New York. 31% dieser ohne Genehmigung in den USA sich aufhaltenden Personen stammen ursprünglich aus Mexiko und Zentralamerika. Die Ärmsten der Armen, illegale Immigranten, die zumeist aus Südamerika in die USA vor Krieg und Verfolgung geflohen waren und hier versuchten ihren Kindern ein neues Leben aufzubauen, haben in den letzten Wochen des „Lock Downs“ ihre Jobs verloren. Nun fehlt besonders ihnen das tägliche Brot.

Aber auch sie sind kein Einzelfall, sondern die USA und vor allem der Großraum New York wird noch lange mit den Schwierigkeiten der sekundären Auswirkungen dieser Pandemie zu kämpfen haben.

Da heißt es mit Anpacken. New Yorker aber sind resilient. Sie lassen den Mut nicht sinken, sondern packen tatkräftig mit an und teilen, was sie haben. Bereits nach 9/11 war dies deutlich spürbar. Es ist genau dieser Geist, der auch jetzt wieder zum Tragen kommt. Ein hoffnungsvolles Zusammenrücken, das ich als Pfarrerin hautnah erleben darf während ich Seite an Seite mit Nachfahren von Holocaust-Überlebenden mich tatkräftig um die Kümmern darf, die es am nötigsten haben und die von Hunger bedroht sind.

Ja, New York mag gegenwärtig das größte Krisengebiet dieser Welt sein, aber wir rücken zusammen und stärken einander in dieser schweren Karwoche und Pessach-Zeit. Ein Stück Hoffnung in Krisenzeiten.

Feeding Westchester

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Falls ihr könnt, würde ich mich ungemein freuen, wenn ihr die Dachorganisation „Feeding Westchester“ unterstützen würdet, die die kleine Tafel mit Essensspenden versorgt.

Video zum Spendenaufruf.

Link zu meinem Spendenaufruf: Feeding Westchester

Neue Wege wagen – digitaler KU und digitale Meetings als Hilfsmittel für Gemeinde und Pfarramt in Zeiten von Corona

Corona ist in aller Munde. Noch in einigen Jahren werden wir es als ein einschneidendes Erlebnis in Erinnerung behalten. Für uns Pfarrerinnen und Pfarrer stellt sich wie für alle kommunikativen und auf Kontakt ausgerichteten Professionen die Frage, wie wir den wichtigen menschlichen Kontakt aufrechterhalten und gleichzeitig vor allem für die wenigen unter uns schützen, die besonders gefährdet durch den Virus sind.

Daher ganz praktisch an dieser Stelle für all diejenigen, die gegenwärtig neue Wege wagen müssen, meinen kleinen Erfahrungsbogen mit digitalen Treffen und Veranstaltungen:

Digitaler Konfirmandenunterricht

Was erst aus der Not der großen Fläche unserer deutschsprachigen Auslandsgemeinde am Big Apple entstand, ist nun ein Segen. Unsere Gemeindeglieder wohnen in drei US-Bundesstaaten, daher sind auch die Wohnorte unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden weit voneinander entfernt. Um drei dieser Jugendlichen zu erreichen, habe ich im Herbst den Sprung in eine Kombination von analogem und digitalem Unterricht gewagt.

Als Plattform hat sich Zoom als die geeignetste gezeigt. Sie ist stabil, man kann „Brake Out“-Sessions anbieten, Dokumente teilen, Bildschirm freigeben, Filme zeigen, miteinander Chatten.

Für Materialien und Arbeitsaufgaben verwende ich Google Classroom. Hier hinterlege ich Material, stelle Links ein. Weiterhin können wir gut kommunizieren. Arbeitsaufgaben können ebenso gestellt, an sie erinnert und kommentiert werden.

Abwesende Konfirmandinnen und Konfirmanden können die Stunde mittels einer Aufnahme leicht nachholen. Das hilft bei einer eventuellen Krankheit oder durch andere Gründe evozierten Abwesenheit.

Was selbstverständlich ist, aber vielleicht nicht jeder Gemeinde präsent: Die Technik des Host muss auf dem neuesten Stand sein, damit unnötige Ärgernisse ausbleiben. Daher ist es durchaus eine finanzielle Investition. Mein Rat: neueres Notebook oder MacBook, gute  digitale Kamera und ein Tischmikrophon, das die Gespräche gut aufnimmt.

Digitale Meetings

Im Kirchenrat, dem kirchenleitenden Gremium, gibt es schon seit geraumer Zeit die Möglichkeit einer digitalen Teilnahme. Auch hier hat sich Zoom als eine gute und stabile Plattform erwiesen. Der Vorteil ist bei dieser Möglichkeit, dass auch technikdistanzierte Personen sich mit einem normalen Telefon „einwählen“ und teilnehmen können.

Dokumente können live ganz einfach gezeigt werden. Das spart Papier und hilf bei der Visualisierung. Das Dokument selbst kann dann digital versandt werden.

Soweit in dieser komplexen Situation mein Erfahrungshorizont. Lasst uns in allen Einschränkungen auch die Chancen entdecken, die in dieser Situation liegen. Wer weiß? Vielleicht blicken wir in einigen Jahren zurück und sehen, welche neuen Wege dies eröffnet hat…

Allen Betroffenen wünsche ich Gottes Segen und Seinen Schutz! Möge Er Seine Hände über euch halten.

Herzliche Grüße aus New York

Miriam Groß

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#Hunters – von einer neuen Serie in einer Zeit des ansteigenden #Antisemitismus

Es war kaum Platz im Regal. Murrend schob ich das neue Spiel in einen kleinen Zwischenraum unseres Spielregals. Brettspiele sind ein wichtiger und freudiger Teil unserer knappen Familienzeit und eine wunderbare Möglichkeit, dem einerlei des Alltags zu entfliehen und in ganz neue Rollen zu schlüpfen. Selbstverständlich reiht sich in die Kollektion der Spiele auch das klassische Schachspiel ein, das unseren Sohn auf so manches Tournier begleitet hat.

Doch die Harmlosigkeit des Schachs wich gestern unvorhergesehen schnell und machte es zu einem makaberen Instrument des Hasses, als es gestern in mehreren Szenen über die Leinwand des Museum of Jewish Heritage glitt. Dort hatten sich mehrere hundert Menschen zum Preview der neuen Amazon-Serie Hunters und einer nachfolgenden Podiumsdiskussion mit Autor David Weil, Schauspieler Josh Radnor und Radiomoderatorin Jessica Shaw eingefunden.

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Die Serie spielt im New York von 1977. Dem Jahr, indem der erste Star Wars Film Premiere feierte. Doch die Harmlosigkeit eines Kinobesuches weicht schnell der Realität der damaligen Zeit: Drogen, Gang-Brutalität und finanzielle Nöte rücken schnell ins Auge des Betrachters, um dann umgehend einer noch größeren Gefahr Platz zu machen: der Bedrohung durch Nazi-Verbrecher, die in USA nach ihren Gräueltaten eine neue Heimat gefunden haben.

Jonah Heidelbach (Logan LermanThe Perks of Being a Wallflower, the Percy Jackson Filme), der Enkel einer Holocaust-Überlebenden, muss eines Abends mitansehen, wie seine geliebte Großmutter in ihrem Wohnzimmer von einem Einbrecher ermordet wird. Bis zu diesem Zeitpunkt war er noch wenig mit den Geschehnissen des Holocaustes in Berührung gekommen. Seine Großmutter, die in Auschwitz knapp dem Tod entronnen war, hatte ihm wenig über diese Zeit erzählt. Doch der Verdacht eines simplen Einbruchs mit Todesfolge weicht schnell der beunruhigenden Entdeckung, dass Nazi-Verbrecher weiterhin in tödlicher Weise agieren und in USA ein gefährliches Netz der Bedrohung in einflußreiche Bereiche der amerikanischen Gesellschaft spannen.

Als der traumatisierte Jonah den Freund seiner Großmutter Meyer Offerman (Al Pacino) besucht, finden sie sich zum einem Schachspiel ein. Bei einer schnell gespielten Partie erklärt Meyer Offerman dem bis dato unwissenden Jonah, dass es sich mit der Geschichte wie mit einem Schachspiel verhalte: Es würde immer wieder eine weitere Runde geben, die mit neuen Spielern versehen sei. Bei jedem neuen Spiel hoffe man auf einen anderen Ausgang… 

Kurze Zeit später entdeckt Jonah, dass Meyer Offerman der Kopf einer Gruppe ist, die Nazis jagt und der seine Großmutter angehörte. Nachdem er selbst fast in die Fänge des Mörders gerät, schließt er sich dieser Gruppe an. Welche weiteren Facetten Schach in der ersten Folge spielt, bleibt dem Leser selbst beim Ansehen der Serie herauszufinden.

Die Serie, die am 21. Februar auf Amazon veröffentlicht werden wird, hat eine unglaubliche Brisanz in einer Zeit, in der ein Anstieg antisemitischer Straftaten weltweit stattfindet. Allein in New York verzeichnete die NYPD einen Anstieg um 26% im vergangenen Jahr mit einer schockierenden Kumulation im Dezember.

In der anschließenden Podiumsdiskussion sprach Autor David Weil, selbst Nachfahre von Holocaust-Überlebenden, von der Entstehung der Serie, die nicht nur hochkarätig besetzt ist, sondern durch Fachpersonen engmaschig begleitet wurde. Das Museum of Jewish Heritage öffnete hierzu zum Beispiel seine Türen zur gegenwärtigen „Auschwitz“ Ausstellung und diente als wichtige Quelle für die Erforschung dieser Zeit. Wenn auch einige Szenen der künstlerischen Vorstellung entspringen, so machen sie die Brutalität der einstigen Nazi-Agitatoren transparent. Sie mögen vielleicht in Auschwitz kein Schach mit Menschen als Figuren gespielt haben, aber, so berichtete Weil, gab es Nazi-Funktionäre, die aus reiner Lust Kindern und Jugendlichen zur Folter Zähne ausrissen.

Es gibt viel zu sagen und noch mehr nachdenken über die ethische-moralische Dimension des dargestellten Vergeltungshandelns. Dies soll auf keine Weise in Abrede gestellt werden und wird, soviel sei hier verraten, in den darauffolgenden Episoden in all seinen Facetten aufgezeigt werden. Aufgrund der dargestellten Gewalt ist die Serie in Deutschland erst ab 16 Jahren freigegeben, in USA ab 17.

Mich hat dieser Film bis spät in den Morgen hinein beschäftigt. Nicht nur aufgrund der sehr bildlichen Darstellung, sondern vor allem aufgrund der durchaus greifbaren Bedrohung des ansteigenden Antisemitismus. Wenn in der „neuen“ Schachpartie der Geschichte und Gegenwart wirklich alle Spieler ausgetauscht wurden, so müssen wir als Spieler darauf achten, dass Haßgedanken und -taten nicht die Oberhand erlangen werden.