Wenn das Handdesinfektionsmittel von Christus erzählt

Eine Wolke von unzähligen Düften umgab uns, während wir ein Labyrinth aus Regalen durchquerten um in den hinteren Bereich eines Geschäftes zu gelangen. Allerlei Badezusätze, Cremes und Parfüme lächelten uns in farbenfrohen Verpackungen und geschmackvollen Namen wie „Boardwalk Marshmallow Cloud“ oder „French Lavender Vanilla“ entgegen. Als endlich ein buntes Regal von kleinen Fläschchen und Zubehör wie ein vollbeladener Frachter vor uns aus der wohlriechenden Ladenvielfalt auftauchte, hatten wir das Ziel unserer kleinen Expedition im Meer der Düfte endlich erreicht. Doch anstatt zielstrebig kleine Geschenke für fünf besondere Frauen auszusuchen, irrten meine Gedanken wirr hin und her während meine Nase versuchte aufgrund der olfaktorischen Eindrücke den richtigen Duft für die jeweilige Person zu finden. Meine Töchter hingegen verschwanden begeistert im Meer der Sinne während Gerüche wie „American Apple“, „Cotton Candy Bliss“ oder „Boardwalk Vanilla Cone“ sie aufjauchzen ließen bis schließlich meine Jüngste mich freudestrahlend aus meiner Ratlosigkeit weckte. „I believe in Humans,“ las sie stolz vor während sie ein kleines Fläschchen nebst zugehöriger Halterung vor mein Gesicht hielt. „Und das Einhorn ist soooo ein tolles Geschenk. Das ist wie beim Einhorn auf dem Teppich, nur anders. Denn das Einhorn hier macht dann kein Wasser sauber, sondern die Hände!“

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Sprachlos betrachtete ich die etwas kitschige Büste eines Einhorns, während ich versuchte Handdesinfektionsmittel und Einhörner trotz ihrer kindlich-mädchenhaften Vorliebe für diese Fabelwesen zu kombinieren. Plötzlich wurde mir bewusst, dass unsere Jüngste die Informationen des letzten Museumsbesuches kreativ mit den um sie stehenden Inhalten verbunden hatte.

Vor einigen Tagen hatten wir die Cloisters an der Nordspitze Manhattans besucht, um unserem kleinen Einhornfan die dort befindlichen Einhorn-Wandteppiche aus dem 16. Jahrhundert zu zeigen. Im ersten von insgesamt sieben vorhandenen mittelalterlichen Bildteppichen beugt sich das Fabelwesen mit seinem Horn zu einem Wasserstrom hinab und reinigt diesen für die ihn umgebenden Tiere. Aufgrund verschiedener im Mittelalter gebräuchlicher Bibelübersetzungen, die das dort erwähnte Tier, das heute zumeist als „Stier“ wiedergeben wird, als „Einhorn“ bezeichnet haben (1), fand dieses Wesen Eingang in die christliche Kunst und wurde zum Symbol für Christus. So hat St. Ambrosius (ca. 340-397), der Bischof von Milan war, in seinem Kommentar zu den Psalmen dies deutlich hervorgehoben: „Wer sonst sollte dieses Einhorn sein wenn nicht einzig Gottes Sohn?“ (2) Als wir vor dem ersten Wandteppich standen, versuchten wir die Symbolik der eindrücklichen Einhornszene zu ergründen. Nach einer kurzen Stille zog unsere Jüngste an meiner Hand. „Mama, das ist doch klar! Ich habs! Das Wasser wird vom Einhorn für die Tiere gereinigt, damit sie trinken können. Das ist so was wie die Wundergeschichten von Jesus. Hat der nicht mal Wasser zu Wein gemacht?“

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Nun stand ich wie vom Blitz getroffen viele Jahrhunderte später in einem Duftgeschäft und erhielt von unserer Jüngsten eine Lektion über biblische Wundergeschichten und deren symbolische Aktualisierung in der Moderne. Schnell realisierte ich, dass dieses Handdesinfektionsmittel ein wunderbares symbolisches Geschenk für eine besondere Theologin war. Sie würde es umgehend verstehen.

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(1) Num 23,22; Dtn 33,17; Hiob 39,9-11; Ps 92,10; Dan 8,5-7.21 u.v.m.

(2) „Ennarrationes in XII psalmos Davidicos,“ Patrologia Latina XIV, col. 1099.

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Wenn Chips-Essen zur Ehre Gottes geschieht

Menschenmassen schoben sich über die für den Verkehr gesperrte 6th Avenue. Ein ungewöhnliches Bild freudig bummelnder Menschen mitten auf dem Großstadtasphalt breitete sich vor unseren Augen aus. Langsam verklangen die Worte des vor kaum einer Stunde statt gefundenen Gespräches mit einem interreligiösen Partner, während meine Töchter mich begeistert von einem Stand zum anderen zogen. An diesem Sonntag zeigte sich die New Yorker Innenstadt in einer ganz anderen Erscheinung: Befreit von Autos und Verkehr konnten wir unsere Augen an interessanten Waren sattsehen, den Gerüchen zu exotischen Essen und „Soul Food“ nachgehen, und uns an leckeren Speisen laben.

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Natürlich musste ich meinem Lieblingsstand „Pepper Salt Paprika“ einen Besuch abstatten: Jamal verkauft die wohl leckersten pikanten und scharfen Soßen im Stadtgebiet. Alles ist handgemacht und liebevoll verpackt. Vor allem die grüne Soße hatte es allen kleinen und großen Groß´sens sehr angetan. Mit frischen Tortilla-Chips waren sie ein himmlisches Gedicht.

Als ich am Abend im Pfarrhaus unseren neuen Chipsteller auspackte, stach mir die in geschwungenen Lettern gehaltene Aufschrift ins Auge: „So whether you eat or drink or whatever you do, do it all for the Glory of God.“ (1 Kor 10,31; Übersetzung nach Luther2017: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.„) Dann geschah auch das Chips-Essen mit pikanter Soße, auf das wir uns als Familie so sehr freuten, zur Ehre Gottes. Selbstverständlich mit einer wichtigen paulinischen Einschränkung: solange keiner Anstoß daran nehmen würde (V. 32f).

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Leise murmelte ich ein dankbares „Chips-Gebet“ vor mich hin während ich den Teller zu meinen freudig wartenden Kindern ins Wohnzimmer trug:

Herr,

ich danke Dir für Chips und Dips,

für die vielen Freuden, mit der Du unser Leben segnest.

Ob wir nun essen oder trinken oder welcher Tätigkeit wir sonst nachgehen,

alles geschehe zu Deiner Ehre.

Amen.

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Rote Ampeln und Weggabelungen als paulinische Mahnzeichen

Ungeduldig hielt ich an der roten Ampel an, denn ich hatte es eigentlich mächtig eilig. Das Auto war voller Kinder, die aufgeregt im Hintergrund schäkerten und lachten – ein Ausdruck ihrer Freude über das versprochene Familiengrillen zum Sommeranfang. Doch wie nur sollte ich mich bei all diesem Lärm auf den dichten Verkehr konzentrieren und beim Einkauf nichts vergessen, damit die Vorfreude später in einen schönen Familienabend mündete?

Die schier endlos scheinende Rotphase der Ampel lies meinen Blick vom Verkehr abschweifen und blieb unvermittelt an einigen ungewöhnlichen Objekten hängen, die den nahestehenden Sicherungskasten der Ampelanlage schmückten: Neben einer dunklen Figur prangte eine übergroße Gabel an der sprichwörtlichen Gabelung. Dies erinnerte mich unweigerlich an eine schwierige Situation, der griechischen Gemeinde in Korinth, die inhaltlich an einer schwierigen Weggabelung ihres gelebten Glaubens angekommen war. Hierauf hatte Paulus versucht in einem ersten Brief einzugehen und ihnen eine Wegweisung an diesem Scheideweg zu geben.

In der Gemeinde in Korinth gab es größere Spannungen, die sich um die Wertigkeit der Gemeindeglieder drehte. Viele schienen sich in ihrem Verhalten exponiert dargestellt und als wichtiger erachtet zu haben. Vor allem Selbstdarsteller, die z.B. in Zungen redeten, zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Man kann davon ausgehen, dass es viele Formen der lauten Selbstdarstellung in Korinth, und damit im kleinen Mikrokosmos der Gemeinde gab, die andere gering oder nichtig sein ließ.

In dieser Situation waren Paulus Worte wie eine rote Ampel, an der die Gemeinde in Korinth aufgrund seiner Autorität gezwungen war, stehen zu bleiben und über ihren Weg nachzudenken. An dieser Weggabelung des Glaubenslebens hob er daher im 12. Kapitel den Gedanken des Leibes und der Glieder hervor und mahnte die Gemeinde eindrücklich: „Strebt aber nach den größeren Gaben! Und ich will euch einen noch besseren Weg zeigen.“ (1. Kor 12,31)

Der bessere Weg, den Paulus hervorhob, können wir dem darauffolgenden Hohenlied der Liebe entnehmen, das in ihrem Kern eine spirituelle Verbindung zwischen Menschen beschreibt. Bei dem griechischen Wort „Agape“ handelt es sich nicht um eine exklusive partnerschaftliche Liebe, sondern um eine inklusive gemeinschaftliche Liebe, die auch die Zurechtweisung beinhalten kann.

Wenn wir auf den Wegen unseres Lebens an roten Ampeln stehen im tatsächlichen, aber auch übertragenem Sinn: Wohin biegen wir dann als Individuen und/oder als Glaubensgemeinschaften ab? Nehmen wir den von Paulus vorgeschlagenen Weg der größeren Gaben, die sich in der Agape zeigen? Oder verhalten wir uns wie einige Korinther, die sich für etwas besseres als andere halten?

Während die Ampel langsam auf Grün schaltete und der Verkehr sich zu bewegen begann, setzte ich meinen Blinker und seufzte ein kleines Dankgebet für das unvorhergesehene paulinische Mahnzeichen an der roten New Yorker Ampel.

Rot, Weiß und Blau – von Zivilreligion, Patriotismus und mahnender deutscher Geschichte

Patriotische Musik säuselte uns leise zu während wir einen kleinen Bummel durch unser Lieblingsgeschäft machten, dessen aktuelle Auslage sich ganz dem bevorstehenden Memorial Day entsprechend in Rot, Weiß und Blau kleidete. An diesem US-amerikanischen Feiertag, der jährlich am letzten Montag im Mai begannen wird, gedenkt man der im Krieg für die USA Gefallenen als Helden des freien Landes. Um diesem Patriotismus persönlichen Ausdruck zu verleihen, werden nicht nur Häuser mit der US-Flaggen geschmückt, sondern Kuchen verziert, T-Shirts und allerlei anderes käufliches Accessoire angeschafft.

Mein Blick blieb an einem kleinen Vogelhaus hängen, dessen Dach das Sternenbanner schmückte und auf dessen Vorderseite in großen Lettern auf einem silbernen Schild der Aufdruck „Faith“ (Glaube) prangte. Ob der kleine Vogel die Aufschrift wohl lesen würde, wenn er das kleine Holzhäuschen als seine neue Heimat auswählte? Wie er so haben Generationen von Immigranten die USA als neues Zuhause gewählt und wie 327 Millionen (United Concensus Bureau) andere US-Amerikaner ein Leben unter dem rot-weiß-blauen Sternenbanner und dessen Nationalwerten gestaltet.

Zum Zusammenhalt dieser großen Nation, die aus 50 Bundesstaaten besteht, wird eine alle verbindende Zivilreligion zelebriert, die durch den Memorial Day im Mai und das Thanksgiving-Fest im November seinen rituellen Ausdruck in einem seltenen verlängerten freien Wochenende erhält. Der US-amerikanische Soziologe Richard Bellah wies darauf hin, dass diese Zivilreligion notwendig für den Zusammenhalt des demokratischen Gemeinwesens sei und viele religiöse Elemente in sich berge, die in ihrer Struktur eine Anlehnung an die judeo-christliche Tradition sei. (1) Neben Feiertagen, die eine spezielle Ausgestaltung aufweisen, gibt es Orte der Verehrung, wie das Monument des Unbekannten Soldaten, sowie Kultgegenstände, die vor allem durch die Gestaltung in Rot, Weiß und Blau und dem Sternenbanner hervorstechen.

Während US-Amerikaner (aber auch andere Personen rund um den Globus) diesen Patriotismus pflichtbewusst durch die Verwendung der einschlägigen Farben und Muster auf zahlreichen Gegenständen zur Schau stellen, sei nur am Rande darauf hingewiesen, dass dies streng genommen vom Gesetzgeber eigentlich verboten ist. Bei der angesprochenen Verwendung hingegen handelt es sich um eine Art patriotischem „Kavaliersdelikt“, das wohlwollend akzeptiert wird und die Position des Gesetzgebers nur dann argumentativ zitiert wird, wenn die Verwendung nicht der eigenen politischen Argumentationslinie entspricht. Während einige ihren Kopf mit rot-weiß-blauen Mützen schmücken, aus besonders kolorierten Gläsern trinken und von entsprechend gestalteten Tellern essen, entdecken sie just beim Betrachten eines integrativen Schildes wie der Bewegung „Hate has no home here“ ihre Verwurzelung in einem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Verwendung der US-Flagge. Sie überschreiten hierbei eine empfindliche Grenze von auf Nächstenliebe basierender Gerechtigkeit und Instrumentalisierung des vom Gesetzgebers vorgeschriebenen Rechtes für eigenen Argumentationslinien.

So kann aus Patriotismus schnell einbedenklicher Nationalkult werden, indem die Verehrung Gottes durch die einer Ideologie ersetzt wird. Welche gefährlichen Abgründe solch ein national verbreiteter Kult haben kann, können wir schmerzhaft unserer eigenen deutschen Geschichte entnehmen.

So bleibt es zu hoffen, dass Bellah Recht behält mit der notwendigen Zivilreligion als „Kitt“ des gegenwärtig wohl einflussreichsten Landes der westlichen Welt, damit der der judeo-christlichen Tradition zentrale Werte der Nächstenliebe nicht aus dem Blick gerät.


(Siehe Richard Bella: Civil Region in America, s. 21-37)

Von einfühlsamen Geschenken und in Versuchung geratenen Katzen

Staunend nahm ich von meinen acht Konfirmandinnen und Konfirmanden in Pfingstrot gehaltene Geschenktüten in Empfang. Und plötzlich war er da, der Klos im Hals, am Vorabend der Konfirmation, denn in dem nun fast vergangenen Konfirmandenjahr waren mir die Jugendlichen sehr ans Herz gewachsen. Nach einer anfänglichen Zurückhaltung waren sie als Gruppe fest zusammengewachsen und ich stand vor der Aufgabe, sie loszulassen. Schon ab dem morgigen Pfingstfest würden sie als erwachsene Christinnen und Christen unsere Gemeinde und später andere durch ihr Wirken bereichern und mit gestalten. Ich seufzte tief, denn als „theologische“ Mutter war dieser Moment von so viel Stolz getragen: sie hatten mit mir (und manchmal auch gegen mich – so muss das sein!) um die Grundfesten unseres Glaubens und Wirkens als Christen gerungen und formten dabei ihre Zusage zu Gott in Jesus Christus.

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Raschelnd packte ich eine pfingstfarbene Geschenktüte nach der anderen aus. Dabei musste ich festzustellen, dass nicht nur ich meine Jugendlichen, sondern sie mich in den letzten Monaten gut kennengelernt hatten: Neben einer Gesichtsmaske, Naschereien, duftenden Gewürzen, Pediküre-Gutschein, Energy-Kaffee, Seidentuch, Badesalz und Co. waren auch meine geliebten (und verwöhnten) Katzen von einem Konfirmand bedacht worden. Lachend drehte ich die Verpackung der Katzenleckerei „Temptations“ (Versuchung) in meinen Händen hin und her, verstaute sie dann in der vorgesehenen Glasschüssel, damit sie frisch und immer bereit auf unserer Küchenanrichte standen.

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Als wenige Stunden später ein lautes Klirren das Pfarrhaus erschütterte, musste ich zähneknirschend beim Betrachten des Scherben- und Leckerli-Haufens feststellen, dass diese Versuchung wohl zu groß gewesen war. Anscheinend hatten meine Kater im Konfirmandenunterricht trotz fleissiger Anwesenheit bei den Geboten nicht gut aufgepasst. Sie sahen mir nun schuldbewusst zu, während ich die Scherben ihrer kleinen Gaunerei beseitigte. Im Gegensatz zu meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden mussten sie wohl eine weitere Runde Katechese über sich ergehen lassen, aber ob dies zum gewünschten Ergebnis führen würde, wage ich zu bezweifeln…

Rassismus im neuen Kleid – 50 Jahre nach der Ermordung Martin Luther Kings

Aus einem Krug goss ich mir kaltes Wasser in das Glas und leerte es in großen Schlucken. Es gab nichts besseres als ein Glas kaltes, frisches Wasser, um Durst zu löschen. Als ich es leer zurückstellte, blieb meine Hand, aber auch meine Gedanken daran verhaftet. Am heutigen Todestag Martin Luther Kings dürstet die amerikanische Gesellschaft mehr denn je nach Gerechtigkeit jenseits von Hautfarbe und Nationalität. Noch nie war die amerikanische Gesellschaft seit der Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) der 50er und 60er Jahre, die der Rassentrennung und Diskriminierung von Farbigen ein Ende setzen sollte, so gespalten wie 50 Jahre nach der Ermordung MLKs. Rassismus hat inzwischen neue, auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennbare Kleider: mit den auffällig hohen Prozentzahlen an inhaftierten Farbigen prägt der „New Jim Crow“ als Nachfolger der Ausgrenzung von Farbigen nach den Bürgerrechtskriegen das gesellschaftliche Bild (1). Aber damit nicht genug. „Umwelt-Rassismus“ ist ein weiteres, hässliches und in vielerlei Weise schmerzhaftes Gesicht dieser brutalen Spaltung der amerikanischen Gesellschaft.

Das Wasserglas erinnerte mich bitter an diese Realität. Sauberes Wasser zu trinken, erscheint mir seit vor über einem Jahr, als ein engagierter Kollege in mein Leben trat, als ein großes Privileg. Daniel Moore arbeitet neben seinem Vollzeitberuf als Mechaniker in Flint, Michigan, auch als baptistischer Pastor in einem der wohl gefährlichsten Orte der USA (2). Die ehemalige blühende Industriestadt vor den Toren Chicagos war bis zu der Verlagerung der Produktion von General Motors (GM) in den 80er und 90er Jahren in das Ausland der größte Produktionsstandort des Auto- und Elektroriesen. Mit der Arbeitslosigkeit zog nicht nur Armut, sondern Kriminalität und Drogenhandel in Flint ein. Während die Gebildeten und Wohlhabenden schnellstmöglich die Stadt verließen, blieb die aufsteigende mittlere Unterschicht, die zumeist aus Farbigen bestand, zurück und wurde unweigerlich in eine Abwärtsspirale von Armut, Kriminalität und Drogen gezogen. Als im Januar 2015 über Nacht der Wassernotstand ausgerufen wurde, traf dies die Ärmsten der US-amerikanischen Bevölkerung. Immens hohe Bleiwerte hatten das Wasser über Jahre hinweg verseucht. Nun aber war dies nicht mehr zu verbergen. Das sonst Selbstverständliche für sie nicht mehr möglich: Wasser konnte weder getrunken, noch für die Zubereitung von Nahrung verwendet werden. Selbst Duschen und Wäschewaschen war untersagt. Nachdem die Obama-Regierung schnellstmöglich mehrere Milliarden an Soforthilfe verabschiedet hatte, geriet die Krise immer mehr in Vergessenheit, denn es traf eine einflusslose Schicht: Arme, arbeitslose Farbige. Dieser „Enviromental Racism“ (3) ist besonders subtil, denn er trifft diejenigen, die sich nicht wehren können. So auch das ungeborene Enkelkind meines Kollegen, das durch die unbewusste Bleieinnahme seiner Mutter schwerbehindert zur Welt kam.

Meine Bewunderung gilt dem Kollegen, der nun versucht in seiner Gemeinde ein Zeichen der Hoffnung gegen diese neue Form des Rassismus zu setzen: durch tägliche Ausgabe von hunderten von Litern Trinkwasser und durch ein engagiertes Jugendprojekt, das gefährdete Jugendliche eine Option jenseits von Drogen, Alkohol und Kriminalität aufzeigt.

Bittere Realität in einem Land, wo Rassismus und Ausgrenzung von anderen 50 Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King längst der Vergangenheit angehören müssten.

 


(1) Michelle Alexander: The New Jim Crow. Mass Incarceration in the Age of Colorblindness, New York 2010.

(2) Glenn L. Starks: African Americans by Numbers. Understanding and Interpreting Statistics on African American Life, Greenwood 2017, S. 72: Laut FBI Daten, weist Flint, Michigan in 2011 die höchste Rate an Tötungsdelikten auf.

(3) Peter Emin: The Vanishing Class. Prejudice and Power in a Dual Economy, Cambridge, MA, 2017, S. 35-37.

Von Puppen, TV-Sendungen und notwendigen Tabubrüchen

Der Puppenladen in der Nähe der 5th Avenue platzte fast aus den Nähten. Aufgeregte Mädchen schoben sich gefolgt von den Blicken ihrer aufmerksamen Eltern an den neuesten Puppen und Accessoires vorbei. Auch ich folgte gehorsam meinen freudestrahlenden Töchtern, denn es war schließlich ein lang versprochener Ausflug in eine für sie bedeutsame Welt. Puppen eröffneten ihnen die Möglichkeit, im Spiel in die Rolle und Situation einer anderen Person zu schlüpfen. Dennoch war dieser Ausflug für mich in vielerlei Weise eine Herausforderung, denn in meiner Freizeit mied ich gerne Menschenmassen und Ansammlungen. Aber versprochen, war nunmal versprochen…

American Girl war in meinen Augen bis zu diesem Mutter-Tochter Ausflug eine Puppenfirma, die jegliche Vorurteile bestärkte: Schleifchen, Röckchen und allerlei Bling… – ein Rollenschema, das eher antiquiert Mädchen und Frauen in das angepasste Bild einer präemanzipierten Rolle drängte. Keine Ecken und Kanten. Dafür viel stereotypische Weiblichkeit ohne jegliche Tabus zu brechen.

Als meine Jüngste mich um die Ecke zur nächsten Auslage zog, wurde mein eigenes Vorurteil durch die sich vor mir ausgestellte Szene unvorhergesehen in Frage gestellt. Hier hob eine Puppen-Eisverkäuferin einen Portionierer in der linken Hand an, um einer Kundin das bestellte Eis zusammenzustellen. Die alltägliche Szene wurde von dem Aussehen der Puppen-Kundin durchbrochen, die an ihrer Haarlosigkeit erkennbar an Krebs oder einer anderen schweren Krankheit litt.

Nun war es mein eigenes Vorurteil, das in Frage plötzlich in Frage gestellt wurde. Als ich mich näher über die amerikanische Puppenfirma und ihr Angebot erkundigte, kam Ungeahntes zum Vorschein: American Girl verkauft Puppen in unterschiedlichen Hautfarben, die keine Haare besitzen und gibt den Besitzerinnen später die Möglichkeit, diese später einzusenden und kostenlos durch einen identischen Kopf mit Haarpracht zu ersetzen. Ein notwendiger und gleichzeitig heilender Tabubruch, der Krebs und andere Erkrankungen endlich für die breite Masse thematisiert und so die gedankliche Auseinandersetzung in Kinderzimmer transportiert.

Das Thema von Kinder- und Jugendkrebs zieht darüber hinaus seit Ende März mit der Netflix-Serie als niederschwellige TV-Sitcom „Alexa & Katie“ in den familiären Fernsehalltag ein. Die beiden Highschool Freundinnen scheinen auf den ersten Blick wie ganz normale Jugendliche, die sich auf ihr erstes Jahr in der weiterführenden amerikanischen Schule freuen. Als Alexa´s Krebserkrankung ihre alltäglichen Pläne durchbricht, überwinden die beiden Freundinnen die Herausforderungen der Erkrankung durch ihre Freundschaft und tiefgründigem jugendlichen Humor. Das Thema der Zuversicht zieht sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Folgen. Schwierige Themen einer Krebserkrankung, wie z.B. dem Ausfallen von Haaren oder der Einschränkung des Immunsystems, finden durch diese TV-Sendung geschickt ihren Weg in Wohnzimmer und Gedanken von Kindern, Jugendlichen und Unterhaltungen von Familien.

Man mag die Tiefgründigkeit dieser Tabubrüche durch Puppen und TV-Sendungen in Frage stellen, doch ist durch sie ein wichtiger und längst notwendiger Schritt getätigt worden: Schwere Erkrankungen wie Krebs werden durch diesen spielerischen und jugendgerechten Zugang ein Gesicht und eine Erfahrbarkeit jenseits der verschlossenen Welt der Erwachsenen gegeben.

Als unsere Tochter wenige Wochen später ihr Geburtstagsgeschenk auspackte, kam unter freudigem Jubeln des Geburtstagskindes eine haarlose, dunkelhäutige Puppe zum Vorschein. Wenige Tage später erkundigten wir uns nach dem Namen der neuen Zimmergefährtin. Während unsere Tochter ihre neue Puppe liebevoll an sich drückte, sagte sie strahlend: „Faith soll sie heißen.“ Und so fand Faith („Glaube“/“Zuversicht“), die aufgrund einer Krebserkrankung ihre Haare verloren hatte, ganz selbstverständlich den Weg in die liebevollen Arme und das Herz der frischgebackenen Puppenmama.