Sonntagsruhe, Einkaufswahn & Co.

Gähnende Leere herrschte am sonst so geschäftigen Parkplatz unseres Lieblingsdiscounters. Irritiert sahen unsere Kinder aus dem Autofenster. Das kannten sie aus Übersee nicht und die Erinnerungen an den verlässlichen Wochenrhythmus in ihrer deutschen Heimat waren im Nebel der vergangenen drei Jahre verschwunden. Ein Tag, an dem man nicht einkaufte? An dem Familie und Freunde für sie Zeit hatten? An dem die Straßen nicht mit Autos und Verkehr verstopft waren? Voller Erstaunen drückten sie sich fast die Nasen an den Fensterscheiben platt.

Die Geschichte der Sonntagsruhe ist lange und komplex. In vielen Ländern dieser Welt ist sie abgeschafft oder zumindest aufgeweicht worden. Auch in Deutschland „sägt“ man fleissig an diesem letzten verbleibenden Ruhetag – er schade dem Geschäft und der Gesellschaft, sagen viele und verweisen auf die Vorbilder Großbritannien und USA.

Beides haben wir erlebt: Sechs-Tage-Woche mit Ruhetag und ein rastloses Sieben-Tage-System, an dem sich der Ruhetag vom Alltag kaum unterscheidet. Der Gottesdienstbesuch wird (wenn überhaupt) zwischen anderes geschoben. Zumeist sind die Einkaufstempel voll, die Reihen der Kirchenbänke gähnend leer.

So wird der Ruhetag, der im Alten Testament in Ex 20, 8-10 als wichtiges viertes Gebot hervorgehoben wird, schnell zum Bekenntnisfall. In USA mussten wir als Familie dies oft erleben, denn Konsum-Angebote jenseits der Gotteshäuser aller Religionen (!) üben eine größere Anziehung. Wenn diese nicht wahrgenommen werden, ist man umgehend ein Sonderling – und hat sich gewissermaßen durch seine eigene Abwesenheit aus dem sozialen Umfeld „herausgekegelt“. Dann wird der Ruhetag, ob Sabbat oder Sonntag, schnell zum ganz persönlichen und durchaus schmerzhaften Bekenntnisfall. Walter Brueggemann hebt daher zurecht hervor, dass es sich bei dem vierten Gebot um das am schwersten einzuhaltende handelt: es richtet sich gegen eine Gesellschaft, die sich auf Kontrolle und Unterhaltung, „Brot und Spiele“ ausgerichtet hat. (1)

In den wenigen Wochen, die wir unseren Heimaturlaub in Deutschland verbringen können, genießen wir die ungewohnte und erfrischende Sonntagsruhe in vollen Zügen. Denn sie gibt uns die Möglichkeit, am Anfang einer neuen Woche dank gesetzlicher Regelung wertvolle Zeit mit lieben Menschen zu verbringen und der Muse ihren angestammten Platz zu geben. Es bleibt zu hoffen, dass sie auch nach unserer Rückkehr in einigen Jahren dank Eintrag im Grundgesetz weiter erhalten bleibt.

______________________________________________

(1) Brueggemann, Walter: Sabbath as resistance. Saying NO to the CULTURE OF NOW, Louisville, Kentucky, 2007.

Advertisements