New York setzt ein interreligiöses Zeichen der Solidarität

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in aller Munde. Die Nachrichten in Deutschland übervoll mit all den Geschehnissen der letzten Wochen. Trump, Pence, Charlottesville, Rassismus und Neo-Nazi-Marsch. Die Vorkommnisse der letzten Wochen zeigen, wie tief gespalten und problembeladen Amerika ist. Sie haben mir als Pfarrerin, die das Gebot der Nächstenliebe ernst und wichtig nimmt, den Atem genommen. Mit vielen teile ich als eine Christin die Sorgen um die inzwischen deutlich zu Tage getretenen rechten Tendenzen in diesem Land, das makaberer Weise im Zeichen der Meinungsfreiheit das Agieren einer rassistischen Minderheit beschützt. Als unverhohlen Hakenkreuze getragen wurden und antijüdische Parolen in einer sonst ruhigen Stadt geschrien wurde, blieb mir der Atem weg. Denn nun war ausgesprochen, was vorher verdeckt, vielleicht hinter vorgehaltener Hand gesagt und weitergegeben wurde: Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft sind nach Meinung der Agierenden nicht willkommen in den Vereinigten Staaten.

Für viele ist Charlottesville ein Wachrütteln von einer Art hingenommener gesellschaftlicher Starre, die rechte Gedanken zulässt und damit unterstützt. Nun setzt langsam aber sicher eine Desillusion ein. Menschen realisieren, dass mit der beschnittenen Freiheit des Einzelnen auch die eigene Freiheit gefährdet ist.

Um daher ein Zeichen der Solidarität zu setzen, versammelten sich an einem Spätsommerabend im August über 72 Institutionen und über 600 Personen zu einer interreligiösen Veranstaltung. „Yes to Love, No to Hate“ (Ja zu Liebe, Nein zu Haß) stand im Mittelpunkt dieses Zusammentreffens von Juden, Christen, Universalisten, Buddhisten, Hinduisten und vielen anderen Institutionen. Als sich die Gebete meiner interreligiösen Geschwister zu einem Teppich der Nächstenliebe in der nahe des Museums of Natural History gelegenen Kirche zusammenwebten, spürten wir getragen von einer grundsätzlichen Humanität zu sein. Einer Humanität, die Haß nicht zuläßt. Die nicht verzagt, trotz all der Schwierigkeiten in einem der größten Einwanderungsländer dieser Welt und sich weiterhin für die Vision einer vielfältigen und gerechten Gesellschaft engagiert.

Würde Abraham Lincoln von den Entwicklungen in seinem geliebten Heimatland wissen, so wäre er sicherlich zutiefst erschüttert. Denn der ausgesprochene Sklavereigegner veranlasste als 16. Präsident insgesamt dreizehn sklavenhaltende Südstaaten, aus der Union auszutreten und den „konföderierte Staaten von Amerika“ zu bilden. Danach führte Lincoln die Nordstaaten durch den aus diesem Konflikt entstandenen Sezessionskrieg. Sein größter Verdienst aber war, dass er die Wiederherstellung der Union und die Abschaffung der Sklaverei in den USA durchsetzte.

Doch das in New York gesetzte Zeichen der interreligiösen Verständigung und der Solidarität zeigt, dass die Vision einer vielfältigen und gerechten Gesellschaft jenseits von Hautfarbe und Herkunft lebt und sich nicht unterdrücken lässt.

Und vielleicht hat Abraham Lincoln im Himmel über dieses Zeichen der nicht zu unterrückenden Nächstenliebe mitten in New York jubiliert. Zutrauen würde ich es ihm.

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