Wie ein Traum wird es sein

Wunderbare Stille umgab mich, während mich der Anblick abertausender Tauben in die kühle Kirche zog. Magisch zog mich der Anfang dieser unerwarteten Vogelschar bis zum in schlichten Weiß und Grün gehaltenen Altar, in dessen Nähe sie wie aus Geisterhand erschienen und leise im sanften Windhauch des Kircheninnenraums in Richtung Portal und Freiheit flogen.

An diesem Sonntagnachmittag hatte mich mein Spaziergang an die „Church of Heavenly Rest“ an der Upper East Side geführt. Die Kunstausstellung „Les Colombes“ des deutschen Künstlers Michael Pendry , die bereits in San Francisco, Salisbury, London, Jerusalem, München und Burghausen zu bestaunen war, raubte mir bei dessen Anblick fast den Atem. Nun war die Ausstellung, die auf die Thematik der in den USA vorliegenden Massen-Inkarzerierung aufmerksam machen will, auch in New York zu bestaunen.

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Mein Blick schweifte von einer Taube zur nächsten, während ich einige Botschaften ihrer Künstler entdecken konnte: von Frieden war darauf zu lesen und Freiheit. Manche waren geschmückt mit kleinen Symbolen, die ihnen spielerische Leichtigkeit verliehen. Das blaue Licht tauchte diese abertausenden ungewöhnlichen Vögel in ein magisches Licht. Traumblau. „Wie ein Traum wird es sein, wenn der Herr uns befreit zu uns selbst und zum Glück seiner kommenden Welt“, so besingt es ein Lied Lothar Zenettis.

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Wie ein Traum wird es sein, wenn das System der Masseninhaftierung in diesem sich oft stolz selbst als „Land der Freiheit“ bezeichnenden Vereinigten Staaten von Amerika ein Ende hat. Michelle Alexander hat in ihrem Buch „The New Jim Crow“ auf die systematischen Freiheitsberaubung und die „Cradle to Prison Pipeline“ im größten Einwanderungsland der Welt mit schockierenden Details hingewiesen. Laut des „Southern Poverty Centers“ befinden sich rund 2,2 Millionen Menschen hinter Gittern. Dies entspricht seit 1972 einer Zunahme um 1,9 Millionen. Damit liegt in den USA die weltweit größte Gefängnisbevölkerung vor. Darüber hinaus stehen ca. 7 Millionen Menschen – etwa einer in 31 – unter der Aufsicht des Strafvollzugssystems, entweder in Haft oder auf Bewährung. Die von Alexander als „New Jim Crow“ bezeichnete systematische und kapitalisierte Ausweitung der Inhaftierung ist das direkte Ergebnis eines gescheiterten, jahrzehntelangen Drogenkrieges und einer „Law and Order“ -Bewegung, die in den Unruhen der späten 1960er Jahre kurz nach der Ära der Bürgerrechte begann. Dieses System ist von enormen Rassendisparitäten geprägt, in der vor allem junge farbige Personen stigmatisiert und im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen in härterer Weise bestraft werden. Die Zahl der inhaftierten afroamerikanischen Männer, die keinen Highschoolabschluss vorweisen können, ist hierbei besonders bedrückend.

Wie ein Traum wird es sein… So besingt es das Lied von Lothar Zenetti. Die Tauben als Zeichen des Friedens und der Hoffnung singen gegenwärtig an der Upper Eastside von diesem Traum in stiller und umso eindrücklicher Weise. Einer Hoffnung, die so wie ihr Weg vom Altar aus symbolisch hinaus in die Welt führt, ihren Anfang und ihre Inspiration in Jesus Christus als Gottes Sohn und Friedenskönig entspringen kann.

Mögen auch wir zu solchen Friedenstauben werden, die diese Hoffnung hinaus in die Welt und das Leben anderer tragen.


Ein kleines Video zu dieser eindrücklichen Kunstausstellung kann unter dem folgenden Link eingesehen werden.