Von neuen Traditionen, Inklusion und Hoffnung

Der getöpferte Abendmahlskelch in dunklen Kobaltblau hatte mein Herz umgehend erobert. Jedes Mal, wenn ich zu einem Bummel im kleinen Töpferladen vorbei kam, glitt mein Auge sehnsüchtig im Regal zu diesem wunderschönen Kunstwerk. Als Studentin war der Geldbeutel eng geschnürt und der Kauf daher wohl überlegt. Einige Wochen später konnte ich dank einiger Sparmaßnahmen an anderer Stelle den Abendmahlskelch endlich mein Eigen nennen. Jahre später wurde er schließlich durch ein Geschenk meiner Schwiegereltern komplimentiert: Neben einem Abendmahlskelch fand nun das Brot einen festlichen Platz auf dem großen Abendmahlsteller, der in schlichten Braun-, Weiß- und Blautönen gehalten war. Auf beiden prangten Fische, die wir als Symbole auf unseren Hochzeitseinladungen und Eheringen gewählt hatten.

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Seit einigen Jahren verwenden wir dieses Trio töpferischer Kunstwerke während Abendmahlen, die in unserem Pfarrhaus stattfinden. Der dunkle Kelch wird hierbei stets mit Traubensaft gefüllt, der in Brautönen gehaltene ist hierbei für den Abendmahlswein vorgesehen.

Ich staunte nicht schlecht, als ich bei einem Besuch des Jewish Museums einen Kelch vorfand, der in kostbaren Silber gehalten und meinen Namen trug. Die Begegnung mit dem Miriams Kelch als einer neuen jüdischen Tradition während des Pessachfestes lies mich die lieb gewonnenen Abendmahlsgeräte in meinem eigenen Haus in einem neuen Licht aus jüdischer Perspektive sehen.

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Der von Amy Klein Reichert hergestellte „Miriams Cup“ informierte in der Ausstellung des Museums über eine neue feministische Strömung innerhalb des Judentums. Diese nahm in den 1970er Jahren ihren Ursprung und machte sich stark macht für eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen in Führungspositionen und Ritualen. Dieses neue rituelle Gefäß entsprang der Idee einer „Rosch Chodesh“ Gruppe (1) in Boston im Jahr 1989 und fand bald große Annahme und Verbreitung:

Die biblische Figur der Miriam wird schon seit langer Zeit in der jüdischen Tradition mit Wasser assoziiert: In die Ströme des Nils wurde ihr kleiner Bruder Mose ausgesetzt während sie ihm bis zur ägyptischen Prinzessin folgte. Nach dem Durchzug durch das Rote Meer war es ihre Stimme, die zum Lobe Gottes singend aufrief. Aufgrund einer Erzählung im Buch Numeri (2), vertrocknete dieser nach ihrem Versterben. Viele Rabbiner schreiben ihr daher den Brunnen zu, der laut jüdischer Überlieferung den Israeliten auf ihrer Wüstenwanderung gefolgt war. Die Erzählungen rund um den Miriams Brunnen schenken jüdischen Glaubensgeschwistern ein Zeichen der Hoffnung. Denn wie Gott durch die Prophetin Miriam, an deren Wirken und Person der Brunnen geknüpft war, in der Wüstenzeit lebensnotwendige Wasser gespendet hat, so tut Er dies auch in gegenwärtigen Herausforderungen für Gläubige. Aufgrund der Tradition rund um den Miriams Brunnen und seine Symbolkraft fand der Miriams Kelch als Verkörperung dessen zu Tisch vor allem reformierten jüdischen Gemeinschaften als neue rituelle Komponente Eingang in das Seder-Mahl Eingang. Hierbei wird das neue rituelle Gefäß mit Wasser in Anlehnung an die Miriams-Geschichte gefüllt.

Bis dato gibt es keinen festgelegten rituellen Ort für diesen zweiten Kelch. Es sei jedoch an dieser Stelle angemerkt, dass eine Verwendung zu Beginn des Seder-Mahles besonders beliebt ist. Der Gebrauch am Beginn dieses wichtigen jüdischen Mahles setzt hierdurch ein Zeichen der Inklusion . Durch die Verwendung zweier Kelche, des Miriams Kelches zu Beginn und des Elijah-Kelches am Ende, wird weiterhin ein der Bogen von Hoffnung in der Gegenwart und gerechter Teilhabe zur eschatologischen Hoffnung geschlagen.

Nachdenklich betrachte ich meine beiden Abendmahlskelche, die ich durch jüdische Rituale und die Traditionsgeschichte der Prophetin Miriam, nach der ich benannt worden war, in einem neuen Licht sehe. Diese neu gewonnene Perspektive aus dem Judentum wird mich begleiten, während die über Jahrzehnte lieb gewonnen Abendmahlsgeräte mich, meine Familie und meinem Dienstort weiterhin als Symbole der gegenwärtigen und zukünftigen Hoffnung begleiten werden.


Wer solch schöne Töpferkunst für seinen eigenen Abendmahlstisch oder auch für den ganz normalen Hausgebrauch haben will, wird bei der Töpferei im Chausseehaus fündig.

(1) Rosch Chodesch ist der erste Tag des jüdischen Monats, der am Neumond beginnt. In den letzten Jahren haben jüdische Frauen zunehmend diesen Feiertag wieder für sich entdeckt und besonders sein Potential als Frauentradition. An vielen Orten wurden Rosch Chodesch Gruppen gegründet, um diesen Feiertag zu begehen und auch neue Liturgien oder Rituale zu entwickeln, miteinander zu singen, zu lernen, zu erzählen.

(2) Num 20,1-2