Wenn Blut und Schweiß anderer Menschen Hände an dem Objekt der kapitalistischen Begierde klebt

Meine Augen schweiften genüßlich über die Auslage des Supermarktes. Prächtiges Erdbeerrot, dunkles Kirschrot, saftiges Himbeerrot und kühles Blaubeerblau reihten sich in der Obstauslage zu einem käuflichen Kunstwerk für Fruchtliebhaber zusammen. Während wir in meiner fränkischen Heimat wenig über die Kosten des dort angebotenen Obstes nachdachten, so ist die Situation in New York eine völlig andere. Erschwingliches Früchte wie Erdbeeren & Co. sind eine Seltenheit. Noch tiefer müssen wir in die Tasche greifen, wenn diese aus ökologischem und fairen Anbau stammen sollen. Ich seufzte still in mich hinein, während meine Töchter mit begeisterten Worten nach der einen oder anderen Portion des gewünschten Obsts fragten.

„Clean Food“ („sauberes“, also ökologisches und aus fairem Handel stammendes Essen) fordert für eine Vielzahl von Konsumenten in Übersee, und damit auch für uns als Pfarrfamilie, einen Verzicht an anderer Stelle. Gesundes Essen ist teuer. Der zu zahlende Betrag für ethisch korrektes Essen schmerzt zumeist deutlich. Nur wenige können sich eine solche Ernährung in USA einfach so leisten. Die klare und bestimmte Stimme von Lisa Kristine, einer humanitären Fotografin, aber bestärkte mich, während meine Hände nach den reifen Früchten griffen: „We all participate in slavery by what we buy and eat.“

Am Vorabend zum „World Day Against Trafficking in Person“ hatte die ständige Vertretung des Vatikans an den Vereinigten Nationen zu einer Konferenz gegen modernen Sklavenhandel eingeladen. Neben kirchlichen Würdenträgern war es vor allem der Bericht von Lisa Kristine, die von ihrer Arbeit als humanitärer Fotografin berichtete und deren schockierende Bilder den Atem aller Teilnehmenden zum Stocken brachte. Gegenwärtig befinden sich über 41 Millionen Menschen weltweit in unterschiedlichen Formen der Sklaverei, die von Backsteinherstellung, Fischfang, Goldgewinnung bis zu Heiratszwang und Prostitution reicht. Die Betroffenen sind überwiegend Frauen und Minderjährige, wobei die Zahl der sich im Menschenhandel befindlichen Personen in den letzten Jahre signifikant zunahm. Mit dem weltweiten Anstieg des puren Kapitalismus wächst eine Ausbeutung der bereits benachteiligten Bevölkerungsschichten. Nachdenklich hielt Lisa Kristine in ihren Worten inne und schüttelte den Kopf während die Worte zur Einschätzung dieser zunehmenden Wirtschaftsform aus ihr herausflossen: „The value is not in the human being – the value is only in the profit.“

Schwester Melissa Camardo, SCL, und Anna Noreen, Überlebende, berichteten von einem Projekt von „Talitha Kum“ für Frauen, die durch Menschenhandel in Not geraten waren, das mitten in New York City diesen Personen Heimat, Unterkunft und Perspektiven für die Zukunft schenkte.

Der weltweite Gedenktag gegen Menschenhandel („World Day Against Trafficking Persons„) , der am heutigen 30. Juli, begannen wird, sollte uns nachdenklich machen in unseren alltäglichen Entscheidungen. Während wir vielleicht billiges Obst, Kleidung oder Schmuck einkaufen, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass für dessen günstigen Preis das Blut und der Schweiß anderer Menschen Hände an dem Objekt unserer kapitalistischen Begierde klebt. Denn dann werden wir alle zu Mittätern, die Menschenhandel und Sklaverei nicht nur zulassen, sondern durch unsere Habgier befördern.