Asche im Wind

Meine Katze räkelte sich gemächlich auf ihrem Lieblingsplatz vor dem Kamin. An kalten New Yorker Abenden tummelte sich unsere Familie nebst Haustieren gerne am offenen Feuer, da er der wärmste Ort im nicht isolierten Pfarrhaus war, und die Temperatur selbst bei angeschalteter Heizung kaum über 18 ºC stieg. Wenn das Holz im Kamin prasselte und das Feuer in einem kleinen Feuerwerksspektakel Ascheteile nach oben gen Himmel transportierte, hüllte uns die warme Gemütlichkeit mitten in der Kälte des Abends wohlig ein. Der orange Schein des Feuers tauchte das dunkle Wohnzimmer rund um den Kamin in einen angenehm wohligen Grundton.

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Doch dieser Abend war anders. Es war inzwischen ruhig im sonst geschäftigen Pfarrhaus geworden. Die fröhlichen und geschäftigen Kinderstimmen waren aufgrund des vorgerückten Abends der Stille der Nacht gewichen. Nachdenklich sah ich ins Feuer, während es an dem Holz züngelte und kleine helle und dunkle Aschepartikel mit dessen Wärme nach oben transportierte. Meine Hand hielt in der Bewegung inne als ich nach dem nächsten Scheit greifen wollte. „Siehst du die Asche am Kamin nach oben steigen?“, klangen die Worte meiner Tochter wie eine dröhnende Mahnung in meinen Ohren. Eine plötzliche innere Kälte rüttelte an mir trotz der Wärme, die die offene Feuerstelle von sich gab.

Seit einigen Monaten war unsere sechzehnjährige Tochter Teil eines Programms mit Holocaustüberlebenden von Selfhelp New York. Begleitet durch eine Psychologin und eine Theaterpädagogin erzählen Holocaustüberlebende von ihren Erfahrungen, die in diesem Frühjahr in einem Theaterstück aufgeführt werden. An diesem Donnerstagnachmittag hatte Daniel (Name geändert) von seinem Transport nach Auschwitz erzählt. Er, sein Vater und Bruder waren bei der „Aussortierung“ durch einen Soldaten von der restlichen Familie getrennt worden. Seine Mutter und Schwester Waren umgehend an diesem Albtraumort im Feuer von Auschwitz ermordet worden. Als ein Mitgefangener auf einen Wachsoldaten in Panik zuging und ihn nach den von ihm getrennten Familienmitgliedern fragte, lachte dieser laut und zeigte zum Himmel: „Da ist deine Familie! Siehst du die Asche am Kamin nach oben steigen? Sie sind die Asche, die im Wind zum Himmel steigt.“

Während ihres Marsches zur Registrierungseinheit fiel die Asche leise auf die überlebenden Gefangenen herunter. Als sie aufgefordert wurden, sich zu entkleiden und zu duschen, weigerte sich Daniel vehement. Es waren die letzten Spuren seiner Mutter und Schwester, die ihm noch geblieben waren.

Nachdenklich sah ich ins Feuer, das an diesem Abend für mich zu einer Erinnerung an den Höllenschlund von Auschwitz geworden war. Während das Feuer an den verbleibenden Holzscheiten riss und zerrte, und in seinem Hunger um weitere Beute für seine vernichtende Wut Ascheteilchen durch den Kamin gen Himmel sendete, sehnte ich mich nach der Dunkelheit jenseits dieses sonst so begehrten Lieblingsplatzes im Pfarrhaus. Anstatt noch ein Holzscheit nachzulegen, schloss ich die Glastür zum Kamin und ging nachdenklich in das Dunkel der Nacht.