Spieglein, Spieglein an der Wand…

Die schwere Glastür schwang unter dem Druck meiner Hand erstaunlich leicht auf und lenkte meine Schritte in einen offenen, mit hellem Holz getäfelten Verkaufsraum. An den Wänden befanden sich zahlreiche, lang gestreckte Spiegel. In einem vollführte ein muskulärer Mann Box-Übungen, während unter seiner Projektion zahlreiche Namen mit Werten abgebildet waren. In einem anderen schwebte eine junge Frau in Idealmaßen über den Spiegel und lächelte trotz anstrengender Übungen als ob sie einen leichten Sonntagsspaziergang machen würde.

Während mein Blick über die verschiedenen Spiegel glitt, kam eine sportlich gekleidete Dame lächelnd auf mich zu. Nach einer kurzen Vorstellung erklärte sie mir begeistert den neuen Sport-Spiegel „Mirror“, der das Fitnessstudio direkt nach Hause bringen würde und gleichzeitig ein wunderbarer Ankleidespiegel für die Dame von Welt sei.

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Während ihre Begeisterung immer mehr Raum in der schlichten Ausstellung einnahm, weckten ihre Worte tief in mir liegende Erinnerungen an einen vor langem gelesenen Roman. Der Spiegel erinnerte mich an den „Televisor“, ein Instrument der Unterdrückung und Überwachung in George Orwells „1984“:

Drinnen in der Wohnung verlas eine klangvolle Stimme eine Zahlenstatistik über die Roheisenproduktion. Die Stimme kam aus einer länglichen Metallplatte, die einem dumpfen Spiegel ähnelte und rechter Hand in die Wand eingelassen war.

Winston drehte an einem Klopf, und die Stimme wurde daraufhin etwas leiser, wenn auch der Wortlaut noch zu verstehen bleib. Der Apparat, ein sogenannter Televisor oder Hörsehschirm, konnte gedämpft werden, doch gab es keine Möglichkeit, ihn völlig abzustellen.

George Orwell, 1984, S. 6.

Der totale Überwachungsstaat hat in „1984“ alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdrungen. Neben Sprache und Gesellschaft wird jede Person bis in ihr Privatleben hinein überwacht. Zentrales Überwachungselement ist hierbei der Televisor. Dieser Spiegel war in der Wohnung der Hauptfigur Winston Smith im Gegensatz zu anderen Umgebungen so angebracht, dass er einen kleinen „überwachungssicheren“ Bereich produzierte. Hier schrieb er in ein kleines Tagebuch, das Inbegriff seiner Freiheit wurde und dessen Besitz unter Androhung massiver Strafen streng verboten war.

Als die Verkäuferin bei den finanziellen Aspekten des Spiegels angelangt war, tauchte ich aus den Erinnerungen des Romans auf. Der hohe Verkaufspreis von $ 1.499 und $ 499 Jahresmitgliedschaft wären ein kleiner Nachteil, wenn man die vielen Vorteile abwägen würde, die von dem im eigenen Heim befindlichen Fitnessstudio bis hin zu einem breiten Spektrum an sportlichen Angeboten reichen würde. Dabei pries sie das gegenwärtige Schnäppchen eines Personaltrainings für $ 40/h an. Bei Einzel- und Gruppentraining würden die eifrigen Heimsportler von ihren Trainern per eingebauter Kamera eng in ihren Werten und ihrem sportlichen Einsatz überwacht. Im Bedarfsfall würde man durch den jeweiligen Lehrer angewiesen, korrigiert und zu besseren Leistungen angespornt werden.

Die Analogie zu George Orwells Roman ließ mir einen eiskalten Schauder über den Rücken laufen:

„Smith!“ schrie die giftige Stimme aus dem Televisor. „6079 Smith W.! Ja, Sie meine ich! Tiefer bücken, wenn ich bitten darf! Sie bringen mehr fertig, als was Sie da zeigen. Sie geben sich keine Mühe. Tie-fer, bitte. So ist es schon besser, Genosse. Rühren, der ganze Verein, und alle herschauen!“

George Orwell, 1984, S. 44

Die Zustände des Romans sind in vielerlei Weise bereits Teil unserer Gegenwart geworden. Ob wir dies wirklich realisieren oder nicht, so sind wir rundum überwacht. Dank iPhone, Alexa, Fitnesstracker & Co. lassen wir uns inzwischen fast lückenlos bis in die privatesten Bereiche unseres Lebens durchleuchten. Für eine Person wie mich, die schon früh digital präsent war und sich für die „Digitale Kirche“ durch Blog, Vlog und Twitter einsetzt, war dieser Nachmittag im Flatiron District New Yorks eine bittere Mahnung. Denn die Grenzen von Datenschutz und individuellem Recht verschwimmen schnell und können nicht nur für konsumorientierten Profit, sondern zur Lenkung und Manipulation von Personen, Gruppen und ganzen gesellschaftlichen Systemen genutzt werden. Ich werde kaum einen solchen Spiegel erwerben. Aber sind wir nicht schon längst alle im Netz der digitalen Manipulation und Kontrolle gefangen?

Spieglein, Spieglein an der Wand, vielleicht bist du ja der Gefährlichste im ganzen Land?