Im Angesicht Gottes erschaffen – Gedanken einer Pfarrerin und Polizeiseelsorgerin

Mein Finger rollte unter sanften Druck über ein bis dahin weißes Blatt. Finger um Finger hinterließen kleine, haargenaue Muster auf dem Papier, die kein Detail meines Fingerabdruckes ausließen. Kleine Schleifen, mal gewölbt, mal flach, runde und ovale Wirbel, sowie Linien, die scheinbar ins Nichts des Blattes liefen, säumten schon bald mein Registierungsformular für die Polizeiseelsorge.

Es war der offizielle Schritt eines längeren näheren Kennenlernens. Nachdem ich die örtliche Polizeistation der NYPD geraume Zeit begleitet hatte, war Vertrauen und Nähe zwischen dieser Institution und mir als Pfarrerin in Chelsea, New York City gewachsen. Nun war ich offiziell Verbindungsperson und Polizeiseelsorgerin im Rahmen des Neighborhood Community Policing geworden, das in 2015 am Big Apple eingeführt wurde, um das Vertrauen und die Verbindung zwischen örtlichen Institutionen, Anwohnern und Gemeinschaften zu stärken. Dies war aufgrund der langen und spannungsreichen Geschichte des New York Police Departments notwendig geworden. Die NYPD war in den vergangenen Jahrzehnten oftmals zu einem Machtinstrument politischer Entscheidungen gemacht worden. In schmerzhafter Erinnerung ist z. B. das „Stop-and-Frisk“-Programm, das unter dem damaligen Bürgermeister Bloomberg zw. 2002 und 2013 in New York City Polizisten das Recht gab auf Verdacht hin Passanten zu durchsuchen und gegebenenfalls festzunehmen. Als Statistiken über die betroffenen Bevölkerungsgruppen veröffentlicht wurden, wurde bekannt, dass überproportional Afro-Amerikaner und Latinos von diesem Vorgehen betroffen waren. Es folgten zahlreiche Proteste, die ein Ausdruck der tiefen Teilung dieser Stadt und des Landes waren: in Reiche und Arme, Farbige, Latinos und sog. „Weiße“. Klassismus (Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position) und Rassismus wurden hierbei entblößt.

Die NYPD geht daher wie keine mir weitere bekannte Institution offen und konstruktiv mit dieser gebrochenen Vergangenheit um und versucht durch das Neighborhood-Community-Policing neue Wege zu gehen. Aus erster Hand weiß ich von Antirassismus-Training und Quoten, die dafür sorgen dass Minoritäten sowie Frauen adäquat durch Polizistinnen und Polizisten repräsentiert werden.

Seit der Ermordung von George Floyd in Minneapolis, Minnesota, liegen die Spannungen um Polizeigewalt wieder bloß. Ein Mann, der aufgrund eines angeblich falschen 20-Dollar-Scheines durch die Tat eines Polizisten grundlos zu Tode kam, löst eine unbändige Trauer und Wut über ein zutiefst ungerechtes System aus, das in sich selbst mit seinen eigenen grundlegenden Problemen an vielen Stellen nicht konstruktiv umgegangen ist.

Das Neighborhood-Community-Policing stellt hierbei eine große Ausnahme da. In den letzten Jahren durfte ich Polizistinnen und Polizisten in ihrem schweren Job begleiten. Ich weiß von deren Druck, den diskriminierenden Übergriffen, die so mancher Cop aushalten muss. Von Menschen, die sie mit verbalen Ausdrücken überhäufen, sie ins Gesicht schreien und auch physisch bedrängen. Dies heißt nicht, dass ich Polizeigewalt verleugnen will, aber auch eine andere Seite sollte bei all dem Leid bedacht und betrachtet werden. Es sind Menschen wie Sie und ich. Mit Familien, Freunden und viel eigener Lebensgeschichte.

Und dennoch legen die vielen Morde die Brutalität des Systems offen. Mike Brown. Trayvon Martin. Sandra Bland. Philando Castile. Tamir Rice. Jordan Davis. Atatiana Jefferson. The Charleston Nine. Breonna Taylor. Ahmad Arbery. George Floyd.

Viele Orte in den USA stehen unter Flammen. Dies ist wenig verwunderlich und umso bitterer, denn das Jahr 2020 vereint in sich mehrere Traumata, die fast gleichzeitig zu Tage treten: Es scheint als ob das Impeachment von 1998, die Pandemie von 1918, sowie die Wirtschaftskrise von 1929 gemeinsam mit den Unruhen von 1968 in einem einzigen Jahr wie in einem Brennglas zur Explosion durch Demonstrationen und Plünderungen kämen. Prof. Anthony Hunt, mit dem ich in 2018 eine Studienreise zu den Orten der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung machen durfte, erklärt diese Entwicklungen nicht nur als Theologe, sondern aus langer pastoraler Erfahrung: „Looting is essentially an act rooted in anger/rage at persistently feeling unheard and forgotten, and economic deprivation and desperation in being underserved (being poor) by society.“ (D: „Plünderungen sind im Wesentlichen eine Handlung, die auf Wut / Zorn beruht, sich ständig als ungehört und vergessen zu fühlen, und auf wirtschaftlicher Entbehrung und Verzweiflung fusst, von der Gesellschaft unterversorgt (arm) zu sein.“)

Brutalität kann nie entschuldigt werden. Sie ist und bleibt ein verletzender und menschenverachtender Tatbestand. Nicht umsonst ist uns als Christinnen und Christen das 5. Gebot aufgegeben. Gewalt erzeugt Gegengewalt und eröffnet einen wahren Teufelszyklus. Daher hat Martin Luther King Jr. zu einem gewaltlosen Widerstand aufgerufen, der diesen durchbricht. Grundlegend war für ihn daher das Konzept der Gottebenbildlichkeit, das durch Rassismus, Klassismus und Antisemitismus verletzt und gebrochen wurde. Jeder Mensch sei im Angesicht Gottes erschaffen und habe einen von Gott gegebenen Wert vom ersten Atemzug an. Martin Luther King Jr. setzte daher Zeichen gegen diese lebensbedrohenden Handlungen und Philosophien und stärkte Menschenwürde, Menschenrechte und die „Beloved Community“ (D: „Geliebte Gemeinschaft“), die sich für diese Werte einsetzte.

Gegenwärtig kann ich nicht beurteilen, welche weiteren Entwicklungen es in den USA geben wird. Ich kann nicht verschweigen, dass mir Angst und Bang ist, denn Gewalt und Gegengewalt sind keine Lösung, aber oftmals eine ganz natürliche Reaktion auf Leid, Entbehrung und erlittene Brutalität. Ich hoffe und bete, dass die Augen vor allem von Personen in entscheidungsführenden und machtvollen Positionen endlich nach einem langen und schmerzhaften Ringen geöffnet werden. Sie müssen verstehen, dass alle Menschen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Nationalität oder wirtschaftlichem Status, im Angesicht Gottes erschaffen sind. Allen müssen die gleichen Rechte und Pflichten zugesprochen werden.

Die gegenwärtige Krise in den USA ist aus meiner Sicht eine zutiefst theologische Krise. Die Annahme der Gottebenbildlichkeit aber trägt mit sich, dass wir auf die zugehen, die in einem gesellschaftlichen System benachteiligt, übersehen und vergessen werden. Auf die, die keine Stimme haben. Auf die, die übersehen oder ausgebeutet werden aufgrund ihres gesellschaftlichen und sozialen Standes. Nur wenn ihnen zugehört, eine Stimme gegeben und ihnen nachhaltige Perspektiven geschenkt werden, dann wird dieses Land zur Ruhe kommen und seinen eigenen Idealen gerecht.

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