Rassismus und Antisemitismus – von gefährlichen ideologischen Zwillingen und der Verantwortung aller

Tausende von Menschen gingen in New York gestern nach der Trauerfeier von George Floyd auf die Straßen. Der Strom unzähliger Menschen floß über die Brooklyn Bridge und ergoß sich über den Vorplatz der Gerichts- und Verwaltungsgebäude in Lower Manhattan. Ich erinnere mich gut an die letzte Demonstration im Januar, an der ich gemeinsam mit meiner Familie und Gemeindegliedern teilnahm, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. New York war von einer schockierenden Vielzahl von antisemitischen Übergriffen überzogen worden. Daher setzten wir als bunte, vielfältige Gemeinschaft über Religionsgrenzen, Hautfarben und Herkunft ein Zeichen gegen diese gefährliche Häresie.

Eine andere Häresie, namentlich Rassismus, lässt die altbekannte Angst um unsere Nächsten nicht nur aufgeflammen, sondern hat viele Städte entbrannt. Viele engagieren sich daher für einen gerechten Kampf gegen Rassismus. Nicht umsonst hat ein Gemeindeglied hierzu gesagt: „Ich wünsche mir, dass der Tod von George Floyd nicht umsonst war. Es ist genug! Wir sind es leid und daher setzen wir Zeichen gegen Rassismus.“ Meine gegenwärtige Kirchengemeinde in New York ist tief verwurzelt im Doppelgebot der Liebe und engagiert sich daher als deutschsprachige Gemeinde besonders gegen Antisemitismus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde in ihrem Interview bei der ARD-Sendung „Farbe bekennen“ vom 4. Juni aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen um eine kurze Stellungnahme gebeten. Sie wies darauf hin, dass auch in Deutschland Rassismus ein großes Thema sei und dagegen agiert werden würde.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass wir uns aufgrund der engen geschichtlichen und wirtschaftlichen Verbindung beider Länder über die grundlegende und beunruhigende Nähe von Rassismus und Antisemitismus bewusst werden.

Beide sind gefährliche Häresien, die zutiefst der christlichen Botschaft widersprechen. Sie sind ideologische Zwillinge, die nicht nur Haß verbreiten, sondern Leben kosten.

Beverly Mitchell prägte den Begriff der „Zwillinge des Hasses“ (Engl.: „Twins of Hate“) für Rassismus und Antisemitismus. Diese tödlichen Häresien haben ihre Wurzeln in der grundlegenden Ideologie, bestimmte Gruppen unter Verwendung von Ausschlussgesetzen, wirtschaftlicher Ausbeutung, Sklaverei, Mord und anderen Formen der Ungerechtigkeit auszuschließen und niederzudrücken.

Eduardo Bonilla-Silva nimmt eine vor allem auf die Gesamtgesellschaft fokussierte Haltung ein: Er hebt hervor, dass Rassismus eine idealistische Philosophie ist, die sich in Ideen manifestiert, die ihre gesellschaftliche Ausprägung im konkreten Handeln hat. Bonilla-Silva sieht Rassismus daher als eine Folge von Ideen oder Überzeugungen, durch die Führungspersönlichkeiten konkrete Einstellungen gegenüber einer Gruppe von Menschen entwickeln, diese an Einzelpersonen kommuniziert und so zu echten Handlungen werden lässt, wie dies in der Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe oder der Religion geschehen ist und weiterhin geschieht.

Rassismus und Antisemitismus sind ideologische Zwillinge, die ihre Wurzeln tief in einer nährenden Grundlage haben: Im Haß gegen andere, in der Ausgrenzung, Ausbeutung und sogar Tötung wie im Falle George Floyds und zahlreichen anderen. Sie sind Häresien, die die von Gott geschenkte Gottebenbildlichkeit verletzen und mit dem uns von Jesus gebotenen Doppelgebot der Liebe brechen.

Mögen wir mutig gegen diese Häresien aufstehen, Farbe bekennen und vorgehen! Eine besondere Verantwortung tragen, wie Bonilla-Silva hervorhebt, vor allem gesellschaftliche Führungspersonen. Nach meiner Meinung müssen daher diesseits und jenseits des Atlantiks deutliche Zeichen gesetzt werden.

Aber auch wir als einzelne müssen uns unserer eigenen Verantwortlichkeit bewusst sein. Niemand geringeres als Desmond Tutu weiß um die Wichtigkeit jedes Einzelnen und dessen Handlung, die Gottes Gerechtigkeit in dieser Welt Raum verschaffen kann. Mögen seine Worte Mahnung und Ansporn zugleich sein, damit wir uns gegen Antisemitismus und Rassismus aufbäumen und den Bogen des moralischen Universums in Richtung Gerechtigkeit beugen:

„Lass dich von niemandem davon überzeugen, dass du nicht wichtig genug, groß genug oder klug genug bis, um etwas zu bewirken. Du bist mehr als genug. Nimm den Bogen und biege ihn in Richtung Gerechtigkeit.“

(Übersetzung: Miriam Groß; in: Archbishop Desmond Tutu , foreword to: Lisa Kristine, Peggy Callahan, Slavery (Washington, D.C.: Free the Slaves, 2010).
(Original: „Don´t let anybody convince you that you are not important enough, big enough or smart enough to make a difference. You are more than enough. Grab the arc and bend it toward justice.“)