Von Worten und Symbolen als gefährliche Vehikel des Rassismus

Mit etwas Erstaunen und Stirnrunzeln sah ich auf einen Tweet, indem ich erwähnt wurde. Er wies auf die Entscheidung der schweizerischen Supermarktkette „Migros“ hin, Schokoküsse einer Firma aus dem Sortiment genommen zu haben. Sie stammten von der Aargauer Firma Dubler, die sich weigerte, die Bezeichnung als „Mohrenköpfe“ zu ändern. Da mein Twittername verwechselnd ähnlich mit der schweizerischen Supermarktkette ist, wurde ich versehentlich erwähnt. Nachdem das Verwundern über diesen Zufall gewichen war, war ich sehr dankbar, auf diese wichtige Entscheidung hingewiesen worden zu sein.

Aus meiner Sicht ist der von Migros vorgenommene Schritt, das Produkt aus dem Sortiment zu nehmen, der einzig richtige nachdem der Zulieferer seinen Produktnamen nicht ändern wollte.

Es lohnt sich, diese Entscheidung näher zu beleuchten. Ethische und moralische Standards werden von einer Gesellschaft durch Sprache und Bilder transportiert. Symbole können als ein sehr effektives Mittel für diese Standards verwendet werden, da sie tiefer reichen als ein gesprochenes Wort. Nach den Erkenntnissen der Psychologie formen Menschen ihre ersten Gedanken durch Bilder, bevor sie sich artikulieren können.

Emilie M. Townes, die gegenwärtig Rektorin und Professorin des E. Rhodes and Leona B. Carpenter of Womanist Ethics and Society an der Vanderbilt University Divinity School ist, hat in ihren Forschungen den Zusammenhang von Begriffen, Symbolik und Rassismus näher beleuchtet. Hierbei hebt sie die Schaffung und kulturelle Reproduktion strukturellen Übels hervor. Sie bezeichnet dies als „fantastic hegemonic imagination“ – systemische Konstruktionen verkürzter Erzählungen auf einer symbolischen Ebene, die strukturelle Ungleichheiten und Formen sozialer Unterdrückung unterstützen und aufrechterhalten. Townes betont, dass eine Leidenschaft für Gerechtigkeit nicht ausreiche, sondern dass wir uns eines Systems bewusst werden müssen, an dem wir alle teilnehmen und das wir daher in uns von Kindesbeinen aufnehmen.

Während dies in Amerika durch Figuren wie Jim Crow, Aunt Jemima oder Topsy Turvy Dolls geschah, so kann man diese „fantastische hegemoniale Vorstellungskraft“ („fantastic hegemonic imaginations“) in anderen Figuren und Bezeichnungen wiederfinden:

Kinderspiele wie „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“, indem Kinder durch ein vergnügliches Spiel Angst vor einer Person anderen Aussehens gelehrt wird. Brettspiele „Jude raus“ zeigen, wie diese katastrophalen Werte in Form eines einfachen Brettspiels während der NS-Diktatur in deutsche Wohnzimmer gebracht wurden. Wenn Rassismus oder Antisemitismus in Gestalt eines Spiels transportiert werden, ist dies umso gefährlicher.

Der „Negerkuss“ oder „Mohrenkopf“ ist aus meiner Sicht ebenso als ein Instrument der „fantastischen hegemonialen Vorstellungskraft“ einzuschätzen, der seine tiefen Wurzeln im längst vergangenen Kolonialismus und den Schmerzen des Rassismus haben.

Wenn wir den „Mohrenkopf“ oder Sarottimohr betrachten, so schöpft dieser seine Vorstellungen aus rassistischen Ideen und zieht eine Linie zur Kolonialisierung und Versklavung tausender Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe als minderwertig bezeichnet und als Besitz behandelt wurden.

Auch wenn es manchen schwer fallen mag, aufgrund der Verknüpfung von lieb gewonnenen Erinnerungen auf Bezeichnungen wie dem „Mohrenkopf“ zu verzichten, ist es der einzig richtige Weg um Rassismus und Antisemitismus in dieser gefährlichen symbolischen Ebene zu verlassen, die sich in Denkkonzepte so scheinbar süß und niedlich „einnisten“.

Es ist mein tiefer Wunsch, dass Generationen von Kindern eben nicht mit der Angst im Nacken durch Spiele wie „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ oder der angeblichen Überlegenheit durch eine dienende Symbolik wie die des „Mohren“ aufwachsen.

Migros hat hierbei den richtigen Schritt vorgenommen und ich hoffe sehr, dass weitere folgen.