Juneteenth – von Sklaverei, Rassismus und eigenen Anteilen

Eine junge Frau stemmt ein weißes Plakat gen Himmel während sie in den Chor von abertausend anderen Menschen einstimmt. In blutroter Schrift hat sie ein Faktum sichtbar werden lassen, dass die Wirtschaftsmacht seit dessen Gründung zutiefst prägt: „MAKE AMERIKKKA NOT RACIST FOR THE FIRST TIME“.

Eine Forderung, die an „Juneteenth“ (19. Juni) , dem 155. Jahrestag der Befreiung afro-amerikanischer Personen von der Sklaverei immer noch nicht eingelöst ist, denn das Land ist in allen seinen Teilen durchzogen von einem systemischen Rassismus. Personen mit dunkler oder brauner Hautfarbe leben oftmals in schlechteren Wohngebieten, besuchen weniger gute Schulen. Aufgrund der schlechten Schulbildung erreichen viele nur geringe Schulabschlüsse und sind gezwungen einfache Berufe zu versehen. In USA wie in wenigen anderen Industrieländern ist Arbeit oftmals verbunden mit Gesundheitsvorsorge – wer keine Arbeit hat, ist im Krankheitsfall unter oder sogar gar nicht versorgt. Da die gegenwärtige Regierung viele Errungenschaften des sog. „Obama-Care“ nihiliert hat, ist diese Bevölkerungsgruppe durch die Pandemie überdurchschnittlich stärker betroffen.

Ein baptistischer Kollege kämpft seit fünf Jahren in Flint, Michigan, gegen den sogenannten „Öko-Rassismus“: Wohngebiete mit zumeist einem hohen Anteil an Afro-Amerikanern, Latinos und anderen Minderheiten erhalten nicht die gleiche Wohnqualität, die anderen Stadtteilen und Landstrichen zukommen. Ein Grundrecht auf sauberes, unverseuchtes Wasser oder einem Boden, der nicht von der Ablagerung von Müll kontaminiert ist, wird an diesen Orten von den Behörden und Verwaltungen ignoriert.

Jegliche Form von Rassismus und der Ausgrenzung anderer aufgrund deren Hautfarbe, Herkunft oder ihres sozialen Status widerspricht der von Gott geschenkten Gottebenbildlichkeit. Von Geburt hat ist jeder Mensch im Angesicht Gottes erschaffen und allen sollten die gleichen Rechte und die gleiche Würde zugesprochen werden.

Die Menschheitsgeschichte ist durchzogen von einer Verletzung der Gottebenbildlichkeit.

Das Volk Israel wurde in die Sklaverei gezwungen und konnte nur durch Mose als die von Gott geschickte Führungsperson aus dieser tödlichen Situation befreit werden. Immer wieder erinnern daher jüdische Glaubensgemeinschaften an diese Unterdrückungserfahrung und Befreiung. Viele jüdische Organisationen, wie z.B. AJC (American Jewish Committee) setzen sich daher für andere unterdrückte Personengruppen und deren Rechte ein.

Blicken wir in das Neue Testament, so befanden sich zu deren Zeit eine signifikante Zahl an Personen in der Sklaverei und vollführten die unterschiedlichsten Tätigkeiten für ihre Besitzer: von einfachen Aufgaben wie dem Türhüten (vgl. Mk 13,34) bis zu verantwortungsvollen Pflichten, z.B. als Verwalter von großen Besitztümern (vgl. Mt 18,23-35; Lk 12,41-46). Während vor allem in den paulinischen Briefen immer wieder die Freiheit durch Christus betont wird, sind die Aussagen und Positionierung des Völkerapostels hinsichtlich der Sklaverei nicht eindeutig.

Die Verbindung von Christentum und Sklaverei war besonders in den USA folgenschwer. Um das neue Land zu bewirtschaften, waren die damaligen Grundbesitzer auf Sklaven angewiesen, die die schwere Arbeit verrichten konnten. Nachdem Jean Bodins „Klima Theorie“, die besagte, dass die afrikanische Sonne Menschen in unzivilisierte Wesen verwandeln würde, widerlegt worden war, fand der englische Reiseschriftsteller George Best eine folgenschwere Alternative: im Buch Genesis habe Noah seine hellhäutigen und engelsgleichen Söhne gebeten von jedem sexuellen Kontakt fern zu bleiben. Sein Sohn Ham jedoch habe dem nicht gehorcht. Gott habe ihn daher mit dunkelhäutigen Nachfahren gestraft, damit man diesen Ungehorsam für immer sehen möge. ( Ibram X. Kendi, Stamped from the beginning, Seite 32f.)

Die sogenannte „Verfluchungstheorie“ wurde in rasender Geschwindigkeit aufgenommen und verband in schlimmer und menschenverachtender Weise Christentum mit der Rechtfertigung der Sklaverei.

Am 155. Jahrestag der Befreiung von der Sklaverei ringt die USA noch immer mit dieser ursprünglichen Sünde gegen die Menschheit. Viel wurde durch mutige Menschen wie Sojourner Truth, Harriet Tubman, Martin Luther King Jr. und so viel mehr erreicht. Doch so viel mehr muss noch geschehen bevor dieser systemisch verankerte Rassismus endlich einer gerechteren Welt weichen kann.

Sklaverei und Rassismus ist nicht nur ein Thema der USA, sondern der ganzen Weltgemeinschaft. Die Fotografin Lisa Kristine versucht hierauf seit Jahrzehnten aufmerksam zu machen. Ihre Bilder sollten uns aufrütteln, denn viele unserer Alltagshandlungen entscheiden darüber, ob eine andere Person ein gerechtes und würdiges Leben führen kann. Beim Kauf von so manchem Kleidungsschnäppchen fällen wir das Urteil über Menschen, die in menschenverachtenden Kleidungsfabriken wie Sklaven für einen Hungerlohn arbeiten müssen. Beim Kauf von billigem Marmor für unsere Küchen oder Grabsteine aus Entwicklungsländern entreißen wir Kinder den Armen ihrer Eltern und geben sie der wirtschaftlichen Ausbeutung preis.

Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, so beginnt Rassismus, Sklaverei und Ausgrenzung direkt bei uns mit jeder noch so großen oder kleinen Entscheidung, die wir treffen. Mögen wir uns dessen bewusst sein und bei jeder Handlung vor Augen führen, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen, daher dieselbe Würdigkeit und Wert von Anfang an geschenkt ist. Dann wird nicht nur die USA endlich von Rassismus befreit, sondern die Welt von der immer noch vorhandenen Realität der Versklavung und Ausbeutung anderer.