Von pastoralem Dauermarathon und ungeahnten Herausforderungen

Dampfend stand ein volles, großes Glas Latte Macchiato vor mir. Ich seufzte erleichtert während ich die Samstagsausgabe der New York Times aufschlug. Es war der erste Samstagmorgen seit dreieinhalb Monaten, an dem ich mich in Ruhe den Nachrichten zuwenden konnte ohne selbst inmitten all der Geschehnisse zu sein.

Die letzten Monate waren ein reiner Sturm, der mich in meiner Tätigkeit als Auslandspfarrerin in der Metropolregion New Yorks erfasst hatte. Wahrscheinlich werde ich diese intensive Zeit nie vergessen – noch traue ich der zaghaft einsetzenden Entspannung nicht. Nachdem mich unvorhergesehen mit COVID-19 der erste dienstliche Tsunami erfasst hatte und ich kurze Zeit wieder Boden unter den Füßen gespürt hatte, war ich aufgrund meines Engagements für Frieden und Gerechtigkeit, aber auch meiner Seelsorge bei der örtlichen Polizei von einer zweiten Flutwelle erfasst worden. Heute ist der erste Tag, an dem ich wieder so etwas wie einen Untergrund unter mein Füßen erahnen kann.

Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Röm 5,3

Ich will die letzten dreieinhalb Monate kurz Revue passieren lassen:

Ab 9. März befand sich New York nach Wochen der Sorge um die verbreitende Pandemie plötzlich in einem Ausnahmezustand. Die Zahl der an COVID-19 Erkrankten und Toten war so rapide gestiegen, dass in dem US-Bundesstaat Ausgangssperre verhängt werden musste. Da ich bereits seit Herbst 2019 digitalen Konfirmandenunterricht anbot, fiel mir eine weitere Umstrukturierung nicht schwer. Mein Wissen konnte ich dank Christian Sterzik, dem Leiter der Stabstelle Digitalisierung, an interessierte Pfarrerinnen und Pfarrer der EKD und anderer verbundender Kircheninstitutionen weitergeben. Aus dieser Idee wurde schließlich das Angebot von regelmäßigen digitalen Kursen der EKD geboren. Dort stellte ich unter anderem eine digitale Agapefeier vor, die wir in NY aufgrund der örtlichen Trennung für unsere Gemeindeglieder anboten.

Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.

1 These 5,21-22

Während die Pandemie New York in das Epizentrum des Ausbruches verwandelte, musste ich mir als Pfarrerin und Hirtin einer weitverstreuten Gemeinde überlegen, wie wir ohne unser Kirchengebäude unsere Gemeinschaft leben konnten: Neben YouTube-Gottesdiensten erlebten wir die Gemeinschaft miteinander unter Gottes Wort durch zwei wöchentliche Abendandachten via Zoom. Hinzu kamen viele Telefonate und Zoom-Seelsorge-Treffen.

Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.

Heb 10,24

Eine besondere seelsorgerlische Herausforderung stellten Sterbefälle und Trauerfeiern da. Nicht selten musste ich Angehörigen mitteilen, dass ein Zutritt des Sterbebettes aufgrund der Pandemie versagt worden war und man auf digitale Möglichkeiten zurückgreifen musste. Für mich eine äußerst bittere Erfahrung. Auch die Gestaltung digitaler Trauerfeiern war eine nie zuvor dagewesene Hürde für mich, denn hier hieß es die fehlende physische Präsenz durch besonders eine genau vorbereitetes, technisch versiertes und aufmerksam durchgeführte digitales Angebot zu ersetzen.

Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht.

Mt 25,36

Die Pandemie brachte nicht nur gesundheitliche Auswirkungen mit sich, sondern bittere Konsequenzen im US-amerikanischen System des reinen Kapitalismus. Bis dato sind Millionen von Menschen arbeitslos. Dabei traf es vor allem die am Rande der Gesellschaft Stehenden, wie illegale Immigranten und Minoritäten besonders hart. Daher verstärkte ich mein Engagement in der Tafelarbeit. Zwei Mal in der Woche helfe ich daher bei einer jüdischen Tafel mit, um den Ärmsten der Armen zu helfen.

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.

Mt 25,35

In den letzten Monaten war spürbar ein Verständnis für die Notwendigkeit harter Maßnahmen gewachsen. In New York rückte man zusammen, denn New Yorker kennen schwere Zeiten durch Traumata wie 9/11. Doch während die Erkrankungs- und Sterberate abfiel, erfasste das ganze Land ein altbekanntes und umso schmerzhafteres Traumata: der systemische Rassismus wurde in schmerzhafter Weise durch die Ermordung George Floyds deutlich sichtbar. Ganze Städte wurden von einem heiligen Zorn erfüllt. Einem Ringen um ein gesellschaftliches System mit der gerechten Teilhabe aller. Als Pfarrerin, die tief verwurzelt in der Public Theology ist und mich seit langem gegen Rassismus und Antisemitismus einsetze, war ich daher mitten drin. Ich demonstrierte mit und fügte meine eigene solidarische Stimme zum Sehnen um Gerechtigkeit in den vielstimmigen Chor hinzu.

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos 5,24

Doch gleichzeitig war ich auch bei denen, die ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit geraten waren: bei den Polizistinnen und Polizisten der NYPD. Im Rahmen des Neighborhood Community Policing, das als Reaktion auf das „Stop-and-Frisk“ unter Bloomberg eingeführt wurde, war ich Seelsorgerin (Clergy Liaison) für eine örtliche Polizeistation. Durch dieses Programm waren Brücken zwischen der örtlichen Bevölkerung und den jeweiligen Polizeistationen gefördert worden. Nachdem unsere Kirche viele Jahre durch die NYPD unterstützt worden war – da denke ich z.B. an einem Feueralarm in unserem Kirchengebäude – war es nun Zeit, für sie als Vertrauensperson da zu sein. Ein wahres dienstliches Minenfeld eröffnete sich in rasender Schnelligkeit als die Medien von meiner Rolle erfuhren. Eine Reihe von Personen verstanden meine ausdifferenzierte Sichtweise nicht und überschütteten mich mit Vorwürfen, die ich vorher kaum für möglich gehalten hatte.

Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.

Gal 6,9

Ich betrachtete das leere Glas Latte Macchiato mit Dankbarkeit und etwas Wehmut. Ohne die Unterstützung meines Mannes und meiner Familie, hätte ich dies nie schultern können. Damit ich meinen Dienst versehen konnte, haben sie alles andere hintenan gestellt und so meine Arbeit als Pfarrerin in dieser Krisenzeit ermöglicht.

Was würden die nächsten Wochen bringen? Schon einmal hatte ich nach der zaghaften Besserung der Pandemie gedacht, dass wir das Schlimmste überstanden hatten. Doch während das zweite Traumata rund um das Ringen um ein gerechteres gesellschaftliches System langsamen Reformen Platz macht, bin ich immer noch von Skepsis und Vorsicht ergriffen. Wir werden sehen… Aber eins weiß ich gewiss: Diese Phase meines Auslandspfarramtes in New York werde ich nie vergessen. Während ich diese Zeilen schreibe, haben sich Erfahrungen tief in mein Herz eingebrannt und formen mich in unwiederbringlicher Art und Weise zu einem neuen Dasein als Pfarrerin.

In so mancher Nacht, die ich schlaflos durchwachte, und durch manchen Tag, dessen Ereignisdichte mir fast dem Atem raubte, hat mich der Glaube getragen. Denn Christus spricht:

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Joh 14,1