Von „Amerikanern auf Zeit“ und „Amerikanischen Wochen“

Kaum in der alten Heimat angekommen, müssten wir selbstverständlich einem altbekannten Discounter einen langersehnten Besuch abstatten. Während wir Erwachsene verglichen, was sich im Sortiment in den letzten drei Jahren verändert habe, sahen unsere Kinder diese Einkaufswelt mit völlig anderen Augen. Langvermisste Produkte wie Schokoküsse und Co. wanderten flink in den immer voller werdenden Einkaufswagen.

Um uns herum jedoch staunten andere nicht wie wir über das Sortiment, sondern über eine Großfamilie, die fließend deutsch sprach und sich kurioser Weise über den kaufbaren Alltagsluxus freute.

Die Aufregung vermehrte sich Erstaunen als wir die Mitte des Marktes erreichten und und unübersehbar mit dem wohlbekannten Sternenbanner verziert, amerikanische Produkte zur „amerikanischen Woche“  entgegenlachten.


Natürlich kam nun all das in den letzten drei Jahren hart erarbeitete Fachwissen zum Einsatz, um die Authentizität der Produkte zu prüfen.

So wurde aus unserem nostalgischen Einkauf ein wahr amüsanter Touristenausflug. Denn was kann man anderes erwarten, wenn „Amerikaner auf Zeit“ sich just während der „amerikanischen Wochen“ in einen Discounter hinverirren?

Über den Wolken … 🎤 🎼

In bunten Farben strahlte der Plüschregenbogen mit zwei Wolken an seinem jeweiligen Ende um die Wette. Umgehend war mir bei einem Einkauf klar, dass ich dieses besondere Nackenkissen für unseren Flug in die alte fränkische Heimat kaufen musste.

Als wir wenige Tage später am Flughafen von all dem Gepäck dank Check-In erleichtert waren, fiel mir wieder das kleine bunte Kissen ein, das  fröhlich an meiner Tasche baumelte. Es war fast so, als ob es mir einen Ausschnitt aus Reinhard Meys berühmten Schlager zuflüsterte: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“


Passende Worte für einen Heimaturlaub, an dem wir uns freuten, wieder aufzutanken, Freundschaften analog zu pflegen und wertvolle, sonst seltene Familienzeit zu verbringen. Während das 1974 geschriebene Lied die Gedanken eines Protagonisten beschreibt, der einem Flugzeug beim Abheben zusieht, war ein bestimmter Teil des Schlagers durchaus für unsere eigene Reisesituation und die vieler, vieler anderer Passagiere rund um die Welt passend.

Während mir der Plüschregenbogen im Flugzeug kurze Zeit später gemütlichen Halt gab und ich auf das weiße Wolkenmeer blickte, summte ich leise den mir wohlbekannten Auschnitt des Schlagers vor mich hin:

„Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein.

Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man,

Blieben darunter verborgen und dann

Würde, was uns groß und wichtig erscheint,

Plötzlich nichtig und klein.“

Franken, here we come!

Vor drei Jahren sind wir mit Sack und Pack nach New York gezogen. Mit jeweils einem Koffer bestückt traten wir damals erwartungsvoll den Flug an.

Nun machten wir uns dank der Vertretung durch eine liebe Freundin wieder auf den Weg zum ersten Heimaturlaub in Deutschland. Nach fleißigem Packen von mehreren Koffern im „Großfamilien-Style“ war es endlich so weit und es hieß für uns sechs „Amerikaner auf Zeit“: „Franken, here we come!“ Die Anzahl der Koffer und des Handgepäcks sprengte fast den Kofferraum unseres doch recht geräumigen Familienautos – noch größer aber als der überquellende Kofferraum war die Freude unserer aufgeregten Kinder: Was würde sich verändert haben? Wie würden liebe Menschen, die wir besuchen würden, uns empfangen? Fragen über Fragen…

Ein typisches Expat-Leben zwischen Ländern und Kulturen, das so anstrengend und bereichernd ist, wie das Packen von Koffern für einen Großfamilien-Urlaub in der Alten Welt.

Von Kieselsteinen und Jubel

Warmer Wind strich mir zart über das Gesicht während meine Füße im kühlen Naß des Seeufers wateten. Das sonnendurchdrungene Wasser lies die bunten Kieselsteine in sanften Farben strahlen und warf sie in monotonen Bewegungen hin und her.

Ein nasser Kieselstein, den ich aus dem Wasser aufgeklaubt hatte, lag kühl in meiner Hand. Ich umschloß den neugefundenen Handschmeichler während er über meine Handinnenfläche glitt. „Wo mag dieser nun abgerundete Stein einst seinen Anfang genommen haben? Welche Begegnungen haben sein ursprünglich schroffes Äußeres abgerundet und geformt?“, ging es mir nachdenklich durch den Kopf. Ich konnte nur annähernd erahnen, dass dieser Prozess nicht immer zart gewesen war. Stück um Stück musste der ursprünglich kantige Stein ein Stück seiner selbst verlieren, um zu dem zu werden, was er nun war. Wenn er doch nur sprechen könnte von seinen Erfahrungen statt mich schmeichelnd stumm anzulächeln!
Jubilierende Kinder unterbrachen meine Gedanken. Ihr Lachen und ihre Freude erfüllte die Luft und stieg zum blauen Himmel empor.

Plötzlich erinnerte mich der Handschmeichler, der in meiner Hand seit einigen Minuten kreiste, an eine Begegnung der Pharisäer mit Jesus. Unweigerlich unterdrückte ich eine Mahnung zur Vorsicht und Umsicht an die im kühlen Nass jubilierenden Kinder. Die Freude sollte zu ihrem Recht kommen und nicht dem Wunsch nach Unterdrückung weichen, wie es damals beim Einzug in Jerusalem von den Pharisäern gewünscht worden war. Damals hatten sie darum gebeten, seine Jünger im Zaum zu halten und sie zurecht zu weisen. Denn Jubel und Freude waren aus ihrer Sicht nicht passend am Passafest. Aber Jesus wies sie schnell zurecht- die Zeit der Stille war noch nicht gekommen, vielmehr war es die Zeit des Jubels, die im Mittelpunkt stand. Daher entgegnete Jesus den Pharisäern: „Ich sage euch: Wenn diese [Jünger] schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Der Kieselstein kreiste immer noch in meinen Händen als die Kinder auf mich zu rannten und mich mit Wasser vollspritzen. Lachend schmiss ich den bunten Stein in den See und ging zum Gegenangriff über.

Das Jubilieren und die Freude sollte auf keinen Fall den Steinen überlassen werden. Weder damals bei Jesu Einzug in Jerusalem noch heute am klaren kanadischen See.

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Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.
(Lukas 19,37-40)

Von Exil-Franken, Independence Day und Heimatgefühlen

Gedämpfte Unterhaltungen erfüllten den Wartebereich vor dem Gate. Ein chinesisches Kind lehnte sich müde an die Schulter seiner Mutter. Während sie in einer chinesischen Zeitung las, nickte es langsam ein. Ein Geschäftsmann sprach eine Angestellte des Bodenpersonals in aufgeregtem Französisch an, während sich das muntere Deutsch-Englisch-Gemisch unserer Kinder ganz natürlich in den bunten Sprachenteppich einwebte.

Ein ganz normaler Tag am New Yorker La Guardia Flughafen. Natürlich inklusive massiver Flugverspätung.

Die lange Wartezeit führte meine Gedanken in die Ferne, denn während ich diese Zeilen schrieb, feierte man viele Meilen entfernt in meiner Heimat den „Tag der Franken“. Als Exil-Fränkin vermisse die ferne Heimat. Viel kann man über Franken schreiben: Von der fränkischen Bratwurst, dem guten Wein und der Herzlichkeit der Franken. Immer wenn ich den warmen Nürnberger Dialekt meiner Patin höre, schlägt mein Herz höher. Diese Heimatgefühle kann man nur schwer in angemessene Worte fassen, denn sie kommen tief aus dem Herzen.

Solche Heimatsgefühle verbinden Menschen. Jeder kennt das Gefühl, an einem Ort zuhause sein zu können. Daher feiert man in wenigen Tagen in Übersee „Independence Day“. Dieser Tag verbindet alle, die nun in USA zuhause sind. Egal, ob sie ursprünglich aus China, Kanada oder Deutschland sind ohne dass sie ihre Identität verlieren. Deutsch-Amerikaner, US-Amerikaner mit chinesischen, japanischen, russischen Wurzel oder wo auch immer ihr Lebensweg einst begann.

Ein leiser Seufzer entglitt meinen Lippen während ich mich zum langersehnten Boarding begab. „Heimat ist dort, wo das Herz ist.“ Oder besser: „Im Herzen ist viel Platz für eine Vielfalt von Heimat.“

In diesem Sinne einen gesegneten „Tag der Franken“, Independence Day“ oder welchen „Tag der Heimat“ ihr auch immer feiert.

Und siehe, es war (nicht) sehr gut…

Nach einem anstrengenden Workout schleppte ich mich in das kleine Café des Fitnessstudios, um dort schnellstmöglich eine Kleinigkeit zum Essen zu kaufen bevor mein Zuckerhaushalt komplett absackte.

Mein Blick schweifte unwillkürlich zu einem prall gefüllten Regal. Dort reihten sich dicht an dicht Energieriegel, bunte Cookies und diverse Sorten Beef Jerky von Biorindern und lächelten mich verlockend an. Meine Wahl fiel spontan auf einen amerikanischen Keks mit weißer Schokolade und Makadamia-Nüssen. Seine Aufschrift „The Complete Cookie“ versprach eine wahrhaft perfekte Komplettlösung meines Hungerproblems.

Doch als ich in das eilig ausgepackte Gebäck biss, war meine Freude umgehend getrübt. Anstatt eines amerikanischen Cookies präsentierte sich mir ein runder nicht ganz durchgebackener Mehlklumpen, der mit unglaublich vielem Zucker versetzt war.

Als ich enttäuscht die Verpackung umdrehte, wurde mein Erstaunten noch größer. Das angeblich „vollständige“ Fitnesskeks war „einmal ohne alles“ mit viel Zucker. Dafür perfekt zusammengestellt für den veganen Hipster, der nach dem Workout seine Proteinzufuhr und seinen Vegan-Egoismus befriedigt.

Nachdenklich hielt ich den Mehl-und-Zucker-Klumpen in der Hand und zögerte mit dem weiteren Verzehr. Aus meiner Sicht war er ein sehr begrenztes menschliches Schöpfungswerk. Wie gut, dass die göttliche Schöpfung im Gegensatz dazu so wunderbar ist, dass Gott am Ende seiner Schöpfungstätigkeit zufrieden sein konnte: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1:31 a)

So hatte der Fitnesskeks am Ende doch sein Gutes, denn er erinnerte mich in unvorhergesehener Weise daran, wie unvollkommen menschliches Werk sein kann und wie perfekt Gottes wunderbares Schöpfungswerk ist.

Von Lust und Frust der Kontrollgesellschaft

Es ist wieder Pool-Saison in Übersee und natürlich muss nach einem ausgiebigen Schwimmnachmittag das aus Hygienegründen überreichlich verwendete Chlor abgewaschen werden. Mit Badeschuhen bewaffnet watscheln wir zur nächstgelegenen Dusche als mir das prominent davor aufgehängte Schild auffällt: „Vorsicht: Boden ist rutschig, wenn er naß ist“.

„Na klar!“, schießt es mir durch den Kopf, „Das Schild hätte man sich mit etwas Menschenverstand schenken können.“ Aber wirklich verwundert bin ich nicht. In Übersee wird alles geregelt, damit der andere und man (selbst vor sich?) geschützt ist.

„Liability“ (dt. Haftung) ist das Furchtwort, das viele treibt, da man in Amerika für so manches verklagt werden könnte, das in Deutschland einfach dem gesunden Menschenverstand überlassen wird.

Daran hat der unbekannte Beter des 121. Psalms wohl eher kaum gedacht, als er sein Wahlfahrtlied schrieb, das von unendlichen Vertrauen spricht: „Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.“ (V. 3) Vertrauen statt „Liability“, Glauben statt Rechtsschutz.

Denn letztendlich haben wir als Menschen doch wenig unter Kontrolle und können mit etwas Gottvertrauen (und der nötigen Briese Vernunft) so manche schwere Situation meistern.